09. Mai. 2020
Der Laacher See in Rheinland-Pfalz ist die Caldera eines Vulkans.

Der Laacher See in Rheinland-Pfalz ist die Caldera eines Vulkans.

Der letzte große Vulkanausbruch in Europa traf vor 13.000 Jahren einen extrem dünn besiedelten Kontinent mit Jägern und Sammlern, die in den kurz zuvor von Gletschern geräumten Gebieten ihrer Jagdbeute hinterherzogen. Ein Archäologe der dänischen Universität Aarhus beschäftigt sich bereits seit Jahren mit dem Laacher-See-Ausbruch und seinen Auswirkungen auf diese eiszeitlichen Menschen. Seine Hypothese, dass die Eruption das ganz Mitteleuropa umspannende Netzwerk der sogenannten Federmesser-Kultur zerriss, begründet er in einem Online-Vortrag der EGU-Jahrestagung. Diese wird wegen der Covid-19-Pandemie als virtuelle Veranstaltung durchgeführt.

Vor rund 13.000 Jahren brach zum vorerst letzten Mal ein Vulkan auf dem Gebiet des heutigen Deutschlands aus. Der rund 3,3 Quadratkilometer große Kessel des Laacher Sees in der Osteifel ist die Caldera des Vulkans, der damals in einem Frühjahr förmlich explodierte und 16 Kubikkilometer Bims und Asche über große Gebiete Europas verteilte. "Es war ein klassischer plinianischer Ausbruch, wie man ihn vom Vesuv kennt, nur viel größer als der aus dem Jahr 79 nach Christus, den Plinius beschrieb", erklärt Felix Riede, Professor für Archäologie an der dänischen Universität Aarhus. Die Explosion war wohl sechs Mal so heftig wie die, mit der der Mount St. Helens 1980 seinen Gipfel wegsprengte.

Blick auf den Laacher See im Winter.

Blick auf den Laacher See im Winter.

Bild: Holger Kroker
Verteilung der Aschespuren des Laacher-See-Ausbruchs von vor 13.000 Jahren.

Verteilung der Aschespuren des Laacher-See-Ausbruchs von vor 13.000 Jahren.

Bild: Felix Riede
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Blick auf den Laacher See im Winter.

Bild: Holger Kroker

Verteilung der Aschespuren des Laacher-See-Ausbruchs von vor 13.000 Jahren.

Bild: Felix Riede

Die Eruption des Mount St. Helens hatte nur begrenzte Konsequenzen. Ein rund 500 Quadratkilometer großes, nahezu unbesiedeltes Gebiet rings um den Berg wurde verwüstet, 57 Menschen starben. Die Eruption des Laacher-See-Vulkans scheint dagegen die Eiszeitmenschen so stark getroffen zu haben, dass sie eine ausgedehnte Zone quer durch Mitteldeutschland bis ins 220 Kilometer entfernte Leinetal bei Göttingen komplett aufgaben. "In Mitteldeutschland, im südlichen Niedersachsen und in Hessen scheint der Laacher-See-Ausbruch zu einer Besiedlungslücke geführt zu haben", betont Riede, der sich seit Jahren mit den Folgen der Eruption für die steinzeitlichen Kulturen in der ausgehenden Eiszeit beschäftigt.

Ausbruch traf Europa in heikler Zeit

Der Ausbruch ereignete sich in einer Periode mit ausgesprochen wechselhaften Bedingungen für die Menschen und die Tiere, denen unsere eiszeitlichen Vorfahren hinterherzogen. Die jüngste Kaltzeit, Würm in Süd- Weichsel in Norddeutschland, ging zu Ende, es herrschte eine warme Zwischenperiode, das Alleröd. Doch auch das kannte kalte Perioden. "Das ganze Klimasystem war instabil und damit auch die ökologischen Bedingungen für die Menschen", so Riede. Die Gletscher waren auf dem Rückzug und der ersten Wälder aus Birken und Nadelbäumen dehnten sich aus, kälteresistente Tiere wie Elche lebten in dieser Umgebung ebenso wie bereits die klassischen Großtiere der heutigen mitteleuropäischen Fauna.

Und zwischen ihnen streiften eiszeitliche Jäger und Sammler in winzigen Gruppen von maximal 30 Mitgliedern umher. Im gesamten Mittel- und Nordeuropa dürften damals nicht mehr als ein paar Tausend Menschen gelebt haben. Dennoch besaßen diese eine erstaunlich einheitliche Kultur: Von der nordfranzösischen Atlantikküste und dem damals noch nicht isolierten Britannien bis nach Polen und Südskandinavien finden sich die Pfeil- und Speerspitzen der sogenannten Federmesserkultur, benannt nach den fein gearbeiteten Flintspitzen, die die Menschen damals bevorzugt verwendeten. Nach den Erkenntnissen von Felix Riede war das Gebiet des heutigen Hessens und des südlichen Niedersachsens so etwas wie die Drehscheibe dieses extrem locker gestrickten Netzwerks von eiszeitlichen Jägergruppen. Über die Flusstäler von Rhone, Saone, Maas und Rhein, sowie über die von Main, Fulda, Lahn und Leine konnten die Menschen ein gewaltiges Gebiet durchqueren, und ausweislich der Fundstücke an zahlreichen Stellen gab es diesen Austausch über große Distanzen tatsächlich.

Besiedlungslücke in Mitteldeutschland

Der Laacher See-Ausbruch ereignete sich genau im Zentrum dieses Netzwerks und bedeutete das Aus für viele der größeren Fundstellen, die also von zahlreichen Gruppen vermutlich auch durchaus häufig aufgesucht wurden. Das gilt vor allem für Hessen und südliches Niedersachsen, über denen die Hauptlast der Asche- und Bimswolke niederging. Über den Aschelagen der Eruption finden sich in vielen Lagen keine menschlichen Artefakte mehr, und als sie wieder auftauchen, sehen sie völlig anders aus als zuvor. Ins Gebiet des Vulkans selbst haben sich wohl sehr schnell Menschen wieder hineingewagt. "Wenn man sich da interpretatorisch ein bisschen aus dem Fenster lehnen will, kommen sie aus der westlichen Richtung, aus dem Pariser Becken", so Riede. Im Westen waren die Folgen des Ausbruchs wesentlich schwächer als im Nordosten.

Möglicherweise hat der Ausbruch auch zur Bildung der auf Südskandinavien und Norddeutschland begrenzten Bromme-Kultur geführt, die im Gegensatz zu den älteren Federmessergruppen keine Pfeile mehr, sondern nur Speere kannte. Felix Riede vermutet, dass der Vulkanausbruch, dessen Aschewolke sich bis nach Russland verfolgen lässt, den nördlichen Teil des Jäger- und Sammlernetzwerks der Federmessergruppen vom Rest abschnitt und isolierte. Dieses Rudiment aus maximal 1300 Personen entwickelte seine Werkzeuge in einer charakteristischen Art weiter, verlernte aber die Produktion der feinen Pfeilspitzen.

Ausbruch ein Faktor von mehreren?

Nicht ausgeschlossen ist allerdings, dass der Vulkanausbruch in der Osteifel nur ein Umweltfaktor von mehreren war, die zu dieser Isolierung und Weiterentwicklung führten. "Ungefähr 200 Jahren nach dem Laacher-See-Ereignis trat wieder eine extreme Kälte in Europa auf", so Riede, "für ungefähr 1000 Jahre kehrte die Kaltzeit zurück." Diese sogenannte jüngere Dryas könnte den Effekt des Eifelvulkans verstärkt haben. Eine Folge des Ausbruchs war die jüngere Dryas definitiv nicht, dafür war die Eruption zu schwach.