15. Dez. 2017

Der Dan, kräftigster Quellfluss des Jordans: Nach ihm ist die Stadt Tel Dan im Norden Israels benannt.

Der fruchtbare Halbmond im Nahen Osten und der Levante ist die Ursprungsregion der Landwirtschaft. Allerdings ist die Region auch einem prekären Wechsel von Trockenheit und Niederschlägen ausgesetzt, seit Ackerbau und Viehzucht hier vor rund 8000 Jahren entwickelt wurden. Zahllose Städte mussten in den Jahrtausenden seither aufgegeben werden. Dabei muss nicht einmal immer der Wassermangel die Ursache gewesen sein.

In "Science Advances" zeigen französische und israelische Ökologen am Beispiel der Stadt Tel Dan am Berg Hermon, dass in Zeiten schwacher Gemeinwesen die Versumpfung eine wesentlich größere Gefahr darstellte.

Die Stadt Tel Dan am Fuß des Berg Hermon gehört zu den ältesten Siedlungen der Welt. Im Königreich Israel der Antike markierte sie die Nordgrenze zum aramäischen Rivalen Damaskus, in der Bibel kommt die Stadt mehrere Dutzend Mal vor. Die ältesten Gebäude, die man in dem rechteckigen Schutthügel bislang ausgegraben hat, sind sogar rund 7000 Jahre alt. Die Stadt überlebte selbst die Plünderung und Brandschatzung durch die Assyrer im 8. Jahrhundert vor Christus, auch wenn sie nicht mehr ihre einstige Bedeutung erreichte. Mit der Eroberung Judäas durch die Römer 63 vor Christus scheint Tel Dan vollkommen verlassen worden zu sein. Erst im zweiten nachchristlichen Jahrhundert ist eine Besiedelung wieder nachweisbar, die dann in der Spätantike komplett aufgegeben wurde.

Obwohl hier der Dan, der kräftigste Quellfluss des Jordans, entspringt und rund ums Jahr für Wasser sorgt, war das Siedeln an dieser Stelle der Chula-Ebene offenbar nicht leicht. Ein Team von französischen und israelischen Ökologen hat jetzt in "Science Advances" Hinweise auf die Gründe der wechselhaften Geschichte geliefert. Danach verlor die Stadt zwar niemals komplett ihre Wasserquellen. Dafür sorgte die Westflanke des Hermonmassivs, an der sich zuverlässig alle Gewitterwolken ausregneten, die vom Mittelmeer heranzogen. Allerdings gehen ihre Schwächephasen einher mit allgemeinen Trockenphasen im Nahen Osten. "Wir haben aus Pollenfunden eine Chronologie für die Region erstellt und insgesamt drei Trockenperioden festgestellt", erklärt David Kaniewski, Assistenzprofessor am Labor für Ökologie und Umwelt der Universität Toulouse. Diese Perioden lagen in den Jahren 2150 bis 1950, 1050 bis 840 und 550 bis 350 vor Christus.

Die fast 3000 Jahre alte Stadtmauer von Tel Dan im Norden Israels.

Die fast 3000 Jahre alte Stadtmauer von Tel Dan im Norden Israels.

Bild: Science/Nelson Glueck School of Biblical Archaeology/Hebrew Union College
Wissenschaftlerinnen des Forschungsprojektes zählen und vermessen tierische Überreste.

Wissenschaftlerinnen des Forschungsprojektes zählen und vermessen tierische Überreste.

Bild: Nelson Glueck School of Biblical Archaeology/Hebrew Union College
Wissenschaftler des Forschungsprojektes bereiten den Sedimentkern für den Abtransport vor.

Wissenschaftler des Forschungsprojektes bereiten den Sedimentkern für den Abtransport vor.

Bild: Nelson Glueck School of Biblical Archaeology/Hebrew Union College
Die Residenz des assyrischen Gouverneurs in der nordisraelischen Stadt Tel Dan.

Die Residenz des assyrischen Gouverneurs in der nordisraelischen Stadt Tel Dan.

Bild: Nelson Glueck School of Biblical Archaeology/Hebrew Union College
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Die fast 3000 Jahre alte Stadtmauer von Tel Dan im Norden Israels.

Bild: Science/Nelson Glueck School of Biblical Archaeology/Hebrew Union College

Wissenschaftlerinnen des Forschungsprojektes zählen und vermessen tierische Überreste.

Bild: Nelson Glueck School of Biblical Archaeology/Hebrew Union College

Wissenschaftler des Forschungsprojektes bereiten den Sedimentkern für den Abtransport vor.

Bild: Nelson Glueck School of Biblical Archaeology/Hebrew Union College

Die Residenz des assyrischen Gouverneurs in der nordisraelischen Stadt Tel Dan.

Bild: Nelson Glueck School of Biblical Archaeology/Hebrew Union College

Die Forscher analysierten einen gut sechs Meter langen Sedimentbohrkern, den sie am Nordrand des heutigen Naturschutzgebietes gewannen. Er reicht von der Mitte des ersten Jahrhunderts bis ins dritte Jahrtausend vor Christus zurück und umfasst damit einen Großteil der Siedlungsgeschichte von den Kanaanitern bis zu den Hasmonäern. In den Sedimentschichten, die den Trockenphasen entsprechen, stellten die Forscher eine völlig andere Vegetation fest als in den feuchteren Perioden, hinzu kamen noch Phasen, in denen die Stelle ackerbaulich genutzt wurde. In den Trockenphasen waren Pflanzen der sogenannten Chaparral-Flora vertreten: Wacholder, Kiefern, Pistazien und Palästinaeiche. In den feuchteren Zeiträumen fanden sich Pollen von Lorbeer, Myrte und Mandel, dazu Weißdorn und Tamariske. Die Bewohner bauten neben verschiedenen Getreiden auch Oliven und Wein an.

Obwohl die Wasserversorgung der Stadt durchaus schwankte, gab es demnach nie wirkliche Dürre. Die Einwohner wurden also nicht durch Wassermangel gezwungen ihre Stadt zu verlassen. Selbst heute in einer relativ trockenen Phase sticht der Ort durch üppiges Grün aus der trockenen Chula-Ebene hervor. Dieser Vorzug hat nach Ansicht der Forscher um Kaniewski wesentlich zum Niedergang von Tel Dan beigetragen. In den Trockenphasen zog die Oase die notleidenden Hirten der weiteren Umgebung an, was zu massiver Konkurrenz mit den Stadtbewohnern führte. Waren die Verhältnisse in Tel Dan und in den jüdischen Reichen der jeweiligen Periode geordnet, konnte die Stadt sich gegen die Neuankömmlinge behaupten und die Spannungen regeln. In Zeiten von Krieg oder sonstiger staatlicher Schwäche fehlte ihr dazu offenkundig die Kraft. Die Spuren für Ackerbau wurden weniger umfangreich, die Umgebung der Stadt verwandelte sich in Sümpfe. Offenbar war es für die Bewohner von Tel Dan zu gefährlich oder zu aufwendig, die Bewässerungssysteme intakt zu halten und das Wasser vom Berg Hermon überflutete die ehemaligen Äcker und verwandelte sie in die Moraste zurück, die sie zuvor auch schon gewesen waren.

Für Tel Dan war die Versumpfung die wesentlich größere Gefahr als der Wassermangel, denn die Sümpfe begünstigten Stechmücken und damit die Malaria. Deren Erreger Plasmodium fühlte sich in der Levante offenbar schon lange heimisch. In Ägypten haben Untersuchungen an der Mumie von Tut-ench-Amun Spuren von Plasmodium falciparum ergeben. Der Pharao regierte von 1348 bis 1339 vor Christus am Nil. Auch an Mumien der späteren Dynastien zeigen sich zuverlässig Malaria-Erreger. Inzwischen geht man davon aus, dass sich die Malaria vor rund 10.000 bis 5000 Jahren in Nordafrika und im Nahen Osten etabliert hat. Im Gebiet von Tel Dan fanden die Erreger und ihre Überträger während jeder Trockenperiode der vorchristlichen Zeit perfekte Lebensbedingungen vor. Seit dem 4. nachchristlichen Jahrhundert war der Ort offenbar komplett verlassen, nur noch Beduinen suchten mit ihren Herden die Quellen des Tel Dan auf. Unter ihnen grassierte die Malaria noch im 20. Jahrhundert.