12. Dez. 2017

Die Felsblöcke Kuh und Stier auf der Bahamas-Insel Eleuthera wurden von Sturmfluten auf die Steilküste befördert.

Auf der Bahamas-Insel Eleuthera stehen die Kronzeugen für "Superstürme". Sieben gewaltige Felsblöcke krönen dort die Steilküste bei der Glass-Window-Bridge. Sie sind so schwer, dass nur Stürme mit der vielfachen Kraft der heutigen sie dorthin getragen haben können. So dachten Klimaforscher zumindest bisher. Eine neue Studie in den Abhandlungen der US-Akademie der Wissenschaften zeigt aber, dass schon heutige Stürme dazu in der Lage wären. Voraussetzung: Der Meeresspiegel steigt um ein paar Meter an.

Kuh und Stier heißen zwei mehrere Hundert Tonnen schwere Kalksteinblöcke auf einem Kliff auf der Bahamas-Insel Eleuthera. "Es sind Blöcke, die groß sind wie Lieferwagen und 390 beziehungsweise 900 Tonnen wiegen", berichtet Alessio Rovere, der in Bremen eine Nachwuchsforschergruppe am MARUM und am Zentrum für Marine Tropenökologie leitet. Die beiden Giganten liegen wie von Zyklopen hingeworfen hart an der Abrisskante der vielleicht 15 Meter hohen Steilküste, und sie sind beileibe nicht die einzigen. Insgesamt sieben Felsblöcke liegen auf der zum Ozean gewandten Inselküste - wie sie dahin kamen, ist Geologen ein Rätsel. "Sie sind viel größer als alles, was von Stürmen und Hurrikane bislang bewegt wurde", betont Rovere.

Doch außer Stürmen und Wellen bleibt auf den Bahamas keine andere Kraft, für Tsunamis fehlen rings um die Blöcke die sonstigen Anzeichen. Und so hat der prominente Klimaforscher Jim Hansen vor rund zwei Jahren "Superstürme" ins Spiel gebracht, die genügend Energie aufbrächten, um selbst Giganten wie den "Stier" zu bewegen. Die Blöcke auf Eleuthera liegen seit rund 120.000 Jahre an ihrem Platz auf dem Kliff. Im damaligen Eem-Interglazial herrschte auf der Erde für rund 10.000 Jahre ein wärmeres Klima als heute und Hansen vermutete, dass die höheren Temperaturen auch zu stärkeren Stürmen führten. Die Blöcke auf Eleuthera waren für ihn die Kronzeugen für die "Superstürme". Da das Eem häufig als Vergleichsära für das durch Menschen beeinflußte Klima der Zukunft herangezogen wird, war Hansens Prognose für die karibischen Inseln bis hoch zu den Bahamas entsprechend pessimistisch.

Alessio Rovere und sein Mitarbeiter Thomas Lorscheid vom MARUM/ZMT vor dem Stier-Felsblock auf der Bahamas-Insel Eleuthera.

Alessio Rovere und sein Mitarbeiter Thomas Lorscheid vom MARUM/ZMT vor dem Stier-Felsblock auf der Bahamas-Insel Eleuthera.

Bild: ZMT/Elisa Casella
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Alessio Rovere und sein Mitarbeiter Thomas Lorscheid vom MARUM/ZMT vor dem Stier-Felsblock auf der Bahamas-Insel Eleuthera.

Bild: ZMT/Elisa Casella

Alessio Rovere und seine Kollegen zeigen jetzt jedoch in den Abhandlungen der US-Akademie der Wissenschaften, dass im Eem überhaupt keine "Superstürme" nötig waren, um zig Tonnen schwere Felsbrocken durch die Gegend zu wirbeln. "Man braucht nur den Meeresspiegel auf das Niveau des Eem heben", so Rovere, "dann reichen auch heutige Stürme aus." Rovere hatte im Rechner modellieren lassen, welche Strömungsgeschwindigkeit die Atlantikwogen am Kliff von Eleuthera benötigen, um Brocken wie "Kuh" und "Stier" auf die 15 Meter hohe Steilküste zu befördern. Bei der leichteren Kuh waren es 9,3 Meter pro Sekunde, beim Stier mussten es 10,8 Meter sein. Beim heutigen Meeresspiegel erreichte keiner der drei "Beispielstürme" die notwendige Geschwindigkeit. Doch schon beim einem Meeresspiegel, der 3,5 Meter über dem heutigen liegt, reichte ein Sturm von der Stärke des Hurrikans "Sandy" aus, der 2012 eine historische Sturmflut durch New York City getrieben hatte.

In der Eem-Warmzeit hat der globale Meeresspiegel wohl zwischen sechs und neun Meter über dem heutigen Niveau gelegen, weil die Eiskappen an den Polen sehr viel kleiner waren. Der Zwischenstaatliche Rat für Klimawandelforschung IPCC prognostiziert in seinem fünften Sachstandsbericht für das Ende dieses Jahrhunderts erst einen Bruchteil davon. Rund ein Meter beträgt der Maximalwert im ungünstigsten Szenario. Doch wird gerade über die Meeresspiegel-Projektionen des IPCC heftig diskutiert. Am Potsdamer Institut für Klimafolgenforschung kommt man bereits zu wesentlich höheren Werte, die in der Spitze 1,4 Meter betragen. Überdies sind sich die Experten einig, dass die Eiskappen auf Grönland und in der Westantarktis noch etwas länger als bis zum Jahrhundertende brauchen, um spürbar ins Schmelzen zu geraten. Die Zeit, dass der Atlantik wieder Riesenblöcke aus dem Inselsockel der Bahamas herausreißt und auf ihre Steilküsten wirft, dürfte daher nicht unmittelbar bevorstehen, doch irgendwann im kommenden Jahrhundert könnte es auf Eleuthera wieder soweit sein.