08. Okt. 2018

Der Fluss Aire in der Stadt Farsley zwischen Leeds und Bradford am 27. Dezember 2015.

Der Weltklimarat hat im südkoreanischen Incheon seinen Sonderbericht zum 1,5-Grad-Klimaschutzziel vorgelegt. Die Wissenschaftler sparten auf der Pressekonferenz nicht mit Ermahnungen an die Adresse von Gesellschaft und Politik. Sie sehen die Menschheit in Sachen Klimaänderung am Scheideweg. Mit drastischen Änderungen, so der Tenor der IPCC-Größen lasse sich das ehrgeizige Klimaschutzziel jedoch noch erreichen.

"Wir haben den Regierungen die Botschaft überbracht, an ihnen ist es jetzt zu handeln." Ganz und gar undiplomatisch brachte Jim Skea die Meinung der im Weltklimarat (IPCC) versammelten Experten auf den Punkt. Als einer der Vorsitzenden der IPCC-Arbeitsgruppe III zur Minderung der Klimafolgen stellte der Professor am Zentrum für Umweltpolitik des Imperial College in London am frühen Montagmorgen den IPCC-Sonderbericht zum Klimaschutzziel 1,5 Grad vor.

Das Gremium hatte über eine Woche – "Tag und Nacht", so Skea – im südkoreanischen Konferenzzentrum an der endgültigen Fassung des Berichts gefeilt. Ihn hatten die Regierungen eigens angefordert, um zu sehen, welche Anstrengungen nötig sind, die globale Mitteltemperatur zum Jahrhundertende nicht mehr als um 1,5 Grad gegenüber dem Beginn der Industrialisierung steigen zu lassen. Um rund ein Grad ist dieser Wert bereits bisher gestiegen, es geht also darum, ob bis zum Jahrhundertende noch einmal 0,5 Grad oder mehr hinzukommen. Selbst bei einer Steigerung von weiteren 0,5 Grad wird es Umweltänderungen geben. Diese allerdings werden nach überwiegender Meinung beherrschbar sein. Bei größeren Temperatursteigerungen wären dagegen heftigere Änderungen zu erwarten.

„Ungeahnte Veränderungen in allen Bereichen notwendig“

Die Regierungen der derzeit 193 UN-Mitgliedsstaaten bekamen, was sie verlangten. "Der Klimawandel ist bereits im Gange, und auch wenn das 1,5-Grad-Ziel weiterhin erreichbar ist, wird es bislang ungeahnte Veränderungen in allen Bereichen der Gesellschaft brauchen, um es zu erreichen", gab der Südkoreaner Hoesung Lee als derzeitiger IPCC-Präsident den Politikern mit auf den Weg nach Kattowitz. Dort werden sich Anfang Dezember wieder Tausende von Delegierten zur 24. UN-Klimakonferenz treffen.

Für sie wird es jetzt tatsächlich dringend. "Bei der derzeitigen Emissionsrate wird die globale Temperatur bereits irgendwann in den Jahren zwischen 2030 und 2052 die Marke von 1,5 Grad über dem vorindustriellen Niveau überschreiten", warnte Panmao Zhai, Professor der Chinesischen Akademie für Meteorologie und Vorsitzender der IPCC-Arbeitsgruppe I für die physikalische Grundlagenforschung. Selbst wenn die Staaten der Welt ihre Verpflichtungen einhielten, die sie aufgrund der Paris-Übereinkunft von 2015 eingegangen sind, wären die Anstrengungen unzureichend. "Die Verpflichtungen reichen für das 1,5-Grad-Ziel einfach nicht aus", so Jim Skea unverblümt.

Das arktische Meereis schmilzt.

Das arktische Meereis schmilzt.

Bild: AWI/S. Hendricks
Dürre in den Niederlanden.

Dürre in den Niederlanden

Bild: Regierung der Niederlande/Deltakommissar
Die Hauptstadt der Malediven Malé liegt nur einen Meter über dem Meeresspiegel.

Die Hauptstadt der Malediven Malé liegt nur einen Meter über dem Meeresspiegel.

Bild: Shahee Ilyas/Wikimedia (CC BY SA 3.0)
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Das arktische Meereis schmilzt.

Bild: AWI/S. Hendricks

Dürre in den Niederlanden

Bild: Regierung der Niederlande/Deltakommissar

Die Hauptstadt der Malediven Malé liegt nur einen Meter über dem Meeresspiegel.

Bild: Shahee Ilyas/Wikimedia (CC BY SA 3.0)

Anstrengungen lohnen sich

Dass die Menschheit es dennoch anstreben sollte, war die einhellige Meinung der auf dem Podium der Pressekonferenz versammelten Forschenden. "Gegenüber einer Temperatursteigerung von zwei Grad würde das 1,5-Grad-Ziel weniger Extremwetterereignisse bedeuten", erläuterte Hans-Otto Pörtner, Professor am Bremerhavener Alfred-Wegener-Institut für Polar- und Meeresforschung und Vorsitzender der IPCC-Arbeitsgruppe II für Klimafolgen. "Der Meeresspiegelanstieg bis 2100 läge um zehn Zentimeter niedriger, was die Wohngebiete von zehn Millionen Menschen vor Überflutung schützen würde, und die Zahl der Menschen, die von Wasserknappheit bedroht werden, würde um die Hälfte sinken." In der Summe zeigen die Forschungen, die der IPCC für seinen Bericht ausgewertet hat, dass die Folgen einer Klimaerwärmung keineswegs linear mit der Temperatursteigerung wachsen, sondern stärker.

Dafür verlangen die vom IPCC für den Sonderbericht zusammengetrommelten Expertinnen und Experten allerdings gewaltige Anstrengungen, nicht nur von Regierungen sondern von allen Menschen. "Jeder hat die Möglichkeit, dem Klimawandel entgegenzuarbeiten", betonte Valerie Masson-Delmotte, Klimaforscherin am staatlichen französischen Labor für Klima- und Umweltforschung und ebenfalls Vorsitzende der IPCC-Arbeitsgruppe I. Doch ließen sie und ihre Kollegen keinen Zweifel daran, dass sich der Alltag jedes einzelnen drastisch verändern muss, um das ambitionierte Klimaziel einhalten zu können. Um 45 Prozent müsse der globale Netto-CO2-Ausstoß bis 2030 gesenkt werden, bis 2050 müsse er sogar komplett eingestellt werden.

Dass sich die Mobilität, die man in westlichen Gesellschaften genießt, so nicht halten lassen wird, dürfte sich inzwischen herumgesprochen haben. Dass das Energiesystem auf eine erneuerbare Basis umgestellt werden muss, ebenfalls. Dass das aber gravierende Folgen zum Beispiel für die Heizung der rund 37 Millionen Wohnungen in Deutschland haben wird, muss erst einmal bewusst werden. "Die Elektrifizierung, die Umstellung auf Strom als Hauptenergieträger, ist der Schlüssel", so Jim Skea. Dass sich sogar Ernährungsgewohnheiten grundlegend werden ändern müssen, etwa in Bezug auf Fleischkonsum, ist ebenfalls Teil der bitteren Wahrheit. "Lasst uns doch mal das positive sehen. Das Klimaziel stimmt doch mit den Gesundheitsempfehlungen der Mediziner überein", versuchte sich der britische Klimaforscher in Ermunterung.

Kosten sind beträchtlich

Das Preisschild an diesen Maßnahmen stellten die Klimaforscher allerdings nicht groß in den Fokus. Kein Wunder, denn die Kosten haben es in sich. Weltweit müssten künftig jedes Jahr fast 900 Millionen Euro in die Minderung des Kohlendioxidausstoßes gesteckt werden, noch einmal soviel in Energiesparmaßnahmen. Zum Vergleich: Das Bruttosozialprodukt der Welt lag nach Angaben der Welthandelsorganisation UNCTAD 2016 bei knapp 66 Billionen Euro. Um allein diesen Durchschnittswert zu erreichen, müssten die entsprechenden Ausgaben in Deutschland von derzeit knapp 34 Milliarden auf 90 Milliarden Euro steigen, und das berücksichtigt nicht, dass von Industrieländern wie Deutschland ein wesentlich stärkeres finanzielles Engagement erwartet wird.

Regierungen am Zug

Jetzt sind – so die unmissverständliche Botschaft aus Incheon – die Regierungen am Zug. Sie müssen sich einerseits zu einer kollektiven Kraftanstrengung zusammenraufen, sie müssen aber andererseits auch die Bevölkerungen ihrer Staaten von der Notwendigkeit und der Dringlichkeit der umfassenden Änderungen in allen Bereichen überzeugen. "Wir haben keine Auswahlmöglichkeiten mehr", so Jim Skea, "wenn wir die Temperatursteigerung auf 1,5 Grad begrenzen wollen, müssen wir alle Optionen gleichzeitig angehen." Wenn man den Nettokohlendioxidausstoß bis 2050 auf Null reduziere, bleibe einem allerdings auf der anderen Seite die Notwendigkeit erspart, in der zweiten Jahrhunderthälfte Treibhausgase in gewaltigem Umfang aus der Atmosphäre entfernen zu müssen, um ein halbwegs stabiles Klimasystem erhalten zu können.

Die Verwertung und Speicherung von Kohlendioxid ist ein heftig umstrittenes Thema, denn noch ist nicht so recht klar, was mit dem chemisch trägen Molekül anzufangen ist. Auch wie das Entfernen von Millionen Tonnen Kohlendioxid bewerkstelligt werden kann, ist zum gegenwärtigen Zeitpunkt völlig unklar. "Es werden momentan zehn oder 15 verschiedene Ansätze diskutiert, man muss aber sagen, abgesehen von klassischen Maßnahmen wie Aufforstung und Wiederaufforstung gibt es momentan keine Technologien", so Oliver Geden von der Stiftung Wissenschaft und Politik und derzeit Gastwissenschaftler am Max-Planck-Institut für Klimaforschung in Hamburg auf einer Veranstaltung des Deutschen Klimakonsortiums in Berlin.  Dabei ist den Expertinnen und Experten klar, dass auch bei einer drastischen Verhaltensänderung der Menschheit in den kommenden drei Jahrzehnten solche Technologien eingesetzt werden müssen. Auf der UN-Klimaschutztagung in Kattowitz werden Politikbetrieb und Stakeholder offenbar sehr viel zu diskutieren haben. Die Forschenden in Incheon waren nicht völlig pessimistisch, dass man dort den Ernst der Lage erkennen wird. "Immerhin haben die Staaten den Sonderbericht eigens angefordert", so Valerie Masson-Delmotte, "wir erkennen da eine Bewegung."