13. Mai. 2019
Eine Echte Karettschildkröte in einem Korallenriff der Malediven. Die beiden Arten der Gattung sind vom Aussterben bedroht.

Eine Echte Karettschildkröte in einem Korallenriff der Malediven. Die beiden Arten der Gattung sind vom Aussterben bedroht.

Der Schwund der Artenvielfalt ist die zweite große Krise, die sich auf der Erde zusammenbraut. Anders als dem Klimawandel wird der abnehmenden Biodiversität noch vergleichsweise wenig Aufmerksamkeit geschenkt. Mit einem Globalen Zustandsbericht, der jetzt in Paris verabschiedet wurde, will der UN-Expertenrat für Biodiversität und Ökosystemdienstleistungen IPBES dies ändern. Er hat sich die durchaus erfolgreichen Bemühungen des Weltklimarates IPCC zum Vorbild genommen.

Die Menschheit verwendet jedes Jahr rund ein Drittel der von Landpflanzen produzierten Biomasse für ihre eigenen Zwecke, sie hat zwei Drittel der Weltmeere und 85 Prozent der Feuchtgebiete maßgeblich verändert und nutzt 40 bis 50 Prozent der Landoberfläche intensiv. Es sind düstere Zahlen, die der UN-Expertenrat für Biodiversität IPBES Anfang der Woche veröffentlichte.

"Heutzutage sind mehr Tier- und Pflanzenarten durch Aussterben bedroht als jemals zuvor in der Geschichte der Menschheit", sagte in der vergangenen Woche Josef Settele vom Leipziger Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ) auf einer Pressekonferenz in Paris. Settele hat zusammen mit zwei Kollegen seit 2016 die globale Bestandsaufnahme geleitet, die in Paris vorgestellt wurde. Rund ein Achtel aller Tier- und Pflanzenarten, heißt es darin, habe der Mensch an den Rand des Aussterbens gebracht, der Artenschwund laufe derzeit zehn bis hundert Mal schneller als im Durchschnitt der vergangenen zehn Millionen Jahre.

Frauen vom Volk der Vezo auf Madagaskar fischen.

Frauen vom Volk der Vezo auf Madagaskar fischen.

Bild: IPBES/sunsinger/Shutterstock.com
Fussgänger auf der berühmten Kreuzung vor dem U-Bahnhof Shibuya in Japans Hauptstadt Tokio. 2,5 Millionen Menschen überqueren dort täglich die Straße.

Fussgänger auf der berühmten Kreuzung vor dem U-Bahnhof Shibuya in Japans Hauptstadt Tokio. 2,5 Millionen Menschen überqueren dort täglich die Straße.

Bild: IPBES/Thomas la Mela/Shutterstock.com
Verschmutzter Strand Kuta Beach auf Bali.

Verschmutzter Strand Kuta Beach auf Bali.

Bild: IPBES/Maxim Blinkov/Shutterstock.com
Arbeiter in einer Textilfabrik in Bangladesh.

Arbeiter in einer Textilfabrik in Bangladesh.

Bild: IPBES/Pinar Alver/Shutterstock.com
Ein junger Mann bereitet in Indien ayurvedische Medizin nach traditioneller Weise zu.

Ein junger Mann bereitet in Indien ayurvedische Medizin nach traditioneller Weise zu.

Bild: IPBES/Nila Newsom/Shutterstock.com
Einsatz von Pestiziden auf einem Feld der industriellen Intensivlandwirtschaft.

Einsatz von Pestiziden auf einem Feld der industriellen Intensivlandwirtschaft.

Bild: IPBES/Jinning Li/Shutterstock.com
Offener Kupfertagebau in Spanien.

Offener Kupfertagebau in Spanien.

Bild: IPBES/Dennis Zhitnik/Shutterstock.com
Mexico Beach in Florida 16 Tage nachdem Hurrikan Michael im Oktober 2018 durchzog.

Mexico Beach in Florida 16 Tage nachdem Hurrikan Michael im Oktober 2018 durchzog.

Bild: IPBES/Terry Kelly/Shutterstock.com
Brandgerodeter Urwald auf Madagaskar.

Brandgerodeter Urwald auf Madagaskar.

Bild: IPBES/Mikhail Dudarev/Shutterstock.com
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Frauen vom Volk der Vezo auf Madagaskar fischen.

Bild: IPBES/sunsinger/Shutterstock.com

Fussgänger auf der berühmten Kreuzung vor dem U-Bahnhof Shibuya in Japans Hauptstadt Tokio. 2,5 Millionen Menschen überqueren dort täglich die Straße.

Bild: IPBES/Thomas la Mela/Shutterstock.com

Verschmutzter Strand Kuta Beach auf Bali.

Bild: IPBES/Maxim Blinkov/Shutterstock.com

Arbeiter in einer Textilfabrik in Bangladesh.

Bild: IPBES/Pinar Alver/Shutterstock.com

Ein junger Mann bereitet in Indien ayurvedische Medizin nach traditioneller Weise zu.

Bild: IPBES/Nila Newsom/Shutterstock.com

Einsatz von Pestiziden auf einem Feld der industriellen Intensivlandwirtschaft.

Bild: IPBES/Jinning Li/Shutterstock.com

Offener Kupfertagebau in Spanien.

Bild: IPBES/Dennis Zhitnik/Shutterstock.com

Mexico Beach in Florida 16 Tage nachdem Hurrikan Michael im Oktober 2018 durchzog.

Bild: IPBES/Terry Kelly/Shutterstock.com

Brandgerodeter Urwald auf Madagaskar.

Bild: IPBES/Mikhail Dudarev/Shutterstock.com

Der Bericht, von dem bislang nur die knapp 40-seitige Zusammenfassung für Politiker veröffentlicht wurde, fasst den Wissensstand in Sachen Biodiversität und Zustand der Ökosysteme zusammen, ist aber kein reines Wissenschaftlerpapier. "Wir haben jetzt etwas zusammengestellt, was für sich nicht neu ist, dem aber die ganzen Nationen zustimmten und damit ein Commitment gemacht haben", betonte Settele am Tag nach der Präsentation in Berlin. Das ist nicht ganz selbstverständlich, denn unter den 132 Mitgliedsstaaten des IPBES sind zum Beispiel Indonesien und Brasilien, in denen die Urwaldgebiete besonders unter Druck stehen, aber auch China und die USA, die sich jedoch beide nach Setteles Angaben konstruktiv an den Verhandlungen beteiligten. Am Ende stand nicht nur eine Bestandsaufnahme, sondern auch das ambitionierte Ziel einer vollkommen veränderten Welt, unterschrieben von 132 der insgesamt 193 Staaten der Erde. "Die Staaten müssen unsere Schlussfolgerungen nicht akzeptieren, aber tatsächlich taten sie es. Wo hat man so etwas schon gesehen", wunderte sich Kai Chan von der Universität von British Columbia in Vancouver.

Transformativer Wandel in allen Bereichen nötig

Denn das Papier, das in Paris verabschiedet wurde, hat es bei den Lösungsvorschlägen in sich. "Das ist vielleicht soft formuliert, aber was dahintersteckt, ist nicht ganz trivial", meinte Josef Settele mit Blick auf den Kernbegriff "transformativer Wandel." Und weil es eben kein Wunschkatalog der Wissenschaftler ist, sondern eine Erklärung auch der beteiligten Regierungen, kommt diesen Forderungen ein ganz anderes Gewicht zu. "Es ist schon eine extrem weitgehende Formulierung", so Settele in Berlin, "und ich finde es beachtlich, dass es gelungen ist die auch drin zu halten."

Nur mit einem solchen "transformativen Wandel" ließen sich, so die Aussage in Berlin, die Nachhaltigkeitsziele und die Biodiversitätsziele der UN erreichen, die sich die Völkergemeinschaft in den vergangenen Jahren gesetzt hat. "Es gibt nur wenige Szenarien, die alle diese Nachhaltigkeitsziele erreichen", erklärte UFZ-Wissenschaftler Ralf Seppelt in Berlin, einer der Leitautoren des IPBES-Berichts, "und sie alle schlagen keine graduellen Änderungen sondern diesen transformativen Wandel vor: eine großflächige Umstrukturierung ökonomischer Gegebenheiten, Zielkriterien, auch von Werten, die wir haben." Sandra Diaz, Ökologieprofessorin an der argentinischen Universität Cordoba und eine von drei Leitern des Sachstandsberichtes, fasste es in Paris konkreter: "Dieser transformative Wandel muss vor allem bei Produktion und Konsum von Energie und Nahrung stattfinden."

Damit ist allerdings auch klar, dass der IPBES-Bericht von Paris kein Auftrag an die Regierungen allein ist. "Ein Akteur allein wird nichts erreichen, es geht darum, alle Beteiligten irgendwie in ein Boot zu bekommen, da ist der Konsument genauso gefragt wie die Politik oder wie große Wirtschaftsunternehmen", betonte Almut Arneth vom Karlsruhe Institut für Technologie, ebenfalls Leitautorin am IPBES-Bericht. Gefragt nach den konkreten Auswirkungen ihrer Forderungen blieben die Wissenschaftler allerdings bei Altbekanntem: Weniger Fleischkonsum in den Industriestaaten, vor allem weniger Rindfleisch, weil Wiederkäuer nicht nur Unmengen an Futter benötigten, sondern in ihren Mägen auch gewaltige Mengen des Treibhausgases Methan produzierten. Änderungen bei Urlaubs- und Reisegewohnheiten und dergleichen mehr. "Es geht ja nicht um Verbote, es geht nicht um Geld, es geht nicht um Verzicht. Sondern es geht darum, das positiv zu konnotieren", unterstrich Ralf Seppelt und machte damit deutlich, wo die IPBES-Autoren das Hauptrisiko für ihren Ansatz sehen.

"Das Momentum ist klasse!"

Um dieser Falle zu entgehen, will die Biodiversitäts-Community die Gunst der Stunde nutzen. "Ich würde sagen, das Momentum ist klasse, wir können jetzt einiges erreichen", meinte Josef Settele zufrieden. In Paris berichteten die drei Leiter des Assessment-Berichts eine Stunde lang dem französischen Staatspräsidenten Emmanuel Macron und dreien seiner Minister "Das war ziemlich genial", so Settele. Dienstags darauf informierten die deutschen Leitautoren Mitglieder des Deutschen Bundestages in Berlin. Kontakte zur Schüler- und Studentenbewegung "Fridays for Future" bestehen bereits. Schließlich sind Klimawandel und Biodiversitätsschwund zwei Symptome der Krise, in der sich unser Planet aktuell befindet. "Zwar ist der Klimawandel bislang nicht eine der Hauptursachen für den Biodiversitätsverlust, allerdings wird er künftig ebenso wichtig oder sogar noch wichtiger als die derzeitigen Treiber werden", warnte Robert Watson, der scheidende IPBES-Vorsitzende aus Großbritannien.

Daher wird der Schulterschluss mit den Klimaforschern des anderen UN-Expertengremiums IPCC vorbereitet. "Wir können die Verarmung der Natur nicht isoliert vom Klimawandel und den Entwicklungszielen der Menschheit sehen, wir müssen all diese Probleme gleichzeitig angehen und den gesamten Komplex in unser Denken und unsere Vorgehensweise integrieren", betonte Eduardo Brondizio, in den USA lehrender Anthropologe aus Brasilien und der dritte Leiter des IPBES-Berichtes. Ein gemeinsamer Bericht von IPBES und IPCC wird daher vorbereitet. " Klimawandel und Artenverlust und Ökosystemwandel sind zwei riesengroße Themen", so Almut Arneth in Berlin, "so dass es sich durchaus anbietet zu versuchen, die Regierungen wirklich mit der gemeinsamen Wucht der Wissenschaft zu überzeugen."

Im südwestchinesischen Kunming werden im Oktober 2020 die Staaten der Welt die neue Biodiversitäts-Strategie verabschieden, die die Aichi-Ziele von 2010 ablösen soll. Dann wird man sehen, wie ernst es die IPBES-Partnerländer mit ihrer Verpflichtung von Paris meinen. "Das Treffen wird eine entscheidende Station sein", betont Robert Watson, "an der man sieht, ob der politische Wille vorhanden ist, die Indizien aus dem IPBES-Bericht zur Kenntnis zu nehmen und die transformativen Veränderungen zu beginnen, die wir brauchen." Kunming wird ein Treffen der Regierungsdelegationen und Interessengruppen sein, doch die Wissenschaftler, die den Biodiversitätsbericht erarbeiteten, lassen keinen Zweifel daran, dass die Veränderungen die Gesellschaften als Ganzes erfassen müssen. "Es ist einfach unsere Wahl", so Almut Arneth in Paris, "es gibt kein Szenario, in dem die Menschheit sich nicht ernähren, mit Wasser und Obdach versorgen könnte. Aber sie kann das in nachhaltiger Weise tun oder aber nicht."