19. Okt. 2018
Der Polder Zarnekow an der Peene im November 2015.

Der Polder Zarnekow an der Peene im November 2015.

Die Renaturierung von ehemaligen Mooren gilt unter anderem als eine wichtige Maßnahme im Klimaschutz, denn die Feuchtgebiete binden ungeheure Mengen an Kohlenstoff. Langzeitmessungen an wiedervernässten Mooren in Mecklenburg-Vorpommern zeigen jetzt allerdings, dass diese erst einmal gewaltige Mengen an Kohlendioxid und Methan freisetzen. Auf der Jahrestagung des Helmholtz-Forschungsverbundes Regionale Klimaänderungen in Potsdam wurde über das Messprogramm berichtet.

Moore sind von allen Bodenformen offenbar die besten Kohlenstoffsenken. Obwohl sie nur drei Prozent der festen Erdoberfläche ausmachen, ist in ihnen 25 Prozent des organischen Kohlenstoffs gespeichert. Damit enthalten sie zum Beispiel doppelt so viel wie alle Wälder dieser Welt. Dumm nur, dass die Menschheit seit Jahrhunderten die Moore trockenlegt, um mehr Acker- oder Weideland zu gewinnen. So sind in Deutschland nach Angaben der Bayerischen Akademie für Naturschutz und Landschaftspflege seit Beginn der Industrialisierung 260.000 Hektar von ehemals 1,67 Millionen Hektar Moorfläche komplett verschwunden. Von den verbliebenen 1,41 Millionen Hektar ist nur ein kleiner Teil wirklich intakt. Eine Erhebung in den Regenmooren, die nur durch Niederschläge gespeist werden, hat einen Anteil der intakten Moore von 19 Prozent  ergeben. Je stärker das Moorbiotop allerdings verändert ist, desto geringer ist seine Kohlenstoffspeicherfähigkeit.

Torfabbau im Venner Moor in Niedersachsen.

Torfabbau im Venner Moor in Niedersachsen.

Bild: basotxerri/CC BY-SA 4.0
Das Hütelmoor bei Rostock an der Ostseeküste wird seit 2010 renaturiert.

Das Hütelmoor bei Rostock an der Ostseeküste wird seit 2010 renaturiert.

Bild: Bild: GFZ/Lars Tiepoldt
 Naturschutzgebiet Lahrer Moor im Emsland.

Naturschutzgebiet Lahrer Moor im Emsland.

Bild: Andreas Herrmann/CC BY-SA 4.0
Das Schwarze Moor in der Rhön gilt als intaktes Moor.

Das Schwarze Moor in der Rhön gilt als intaktes Moor.

Bild: Rainer Lippert/CC0
Beispiel für Torfabbau im Naturschutzzentrum Wurzacher Ried in Schwaben.

Das Schwarze Moor in der Rhön gilt als intaktes Moor.

Bild: enslin/CC BY-SA 3.0
Der Polder Zarnekow an der Peene im November 2015.

Der Polder Zarnekow an der Peene im November 2015.

Bild: GFZ/M. Ludwig (bearb. T. Sachs)
Spurengas-Messstation im Polder Zarnekow.

Spurengas-Messstation im Polder Zarnekow.

Bild: GFZ/T. Sachs
Geflutetes Moor am Steinhuder Meer, Niedersachsen.

Geflutetes Moor am Steinhuder Meer, Niedersachsen.

Bild: losch/CC BY-SA 3.0
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Torfabbau im Venner Moor in Niedersachsen.

Bild: basotxerri/CC BY-SA 4.0

Das Hütelmoor bei Rostock an der Ostseeküste wird seit 2010 renaturiert.

Bild: Bild: GFZ/Lars Tiepoldt

Naturschutzgebiet Lahrer Moor im Emsland.

Bild: Andreas Herrmann/CC BY-SA 4.0

Das Schwarze Moor in der Rhön gilt als intaktes Moor.

Bild: Rainer Lippert/CC0

Das Schwarze Moor in der Rhön gilt als intaktes Moor.

Bild: enslin/CC BY-SA 3.0

Der Polder Zarnekow an der Peene im November 2015.

Bild: GFZ/M. Ludwig (bearb. T. Sachs)

Spurengas-Messstation im Polder Zarnekow.

Bild: GFZ/T. Sachs

Geflutetes Moor am Steinhuder Meer, Niedersachsen.

Bild: losch/CC BY-SA 3.0

Verlandender Teil des Polders Zarnekow im August 2018.

Bild: GFZ/M. Zöllner

Kein Wunder also, dass von EU über den Bund bis zu den Ländern detaillierte Schutz- und Renaturierungsregeln erlassen wurden, nach denen inzwischen wieder Moore aufgebaut werden. Allein in Mecklenburg-Vorpommern, das mit knapp 300.000 Hektar die zweitgrößte Moorfläche unter allen Bundesländern besitzt, ist geplant 37.000 Hektar zu renaturieren. Allerdings wird man offenbar lange warten müssen, bis sich der Klimaschutzeffekt einstellt. Denn während der Renaturierung verwandelt sich die künftige Kohlenstoffsenke erst einmal in eine gewaltige Kohlenstoffquelle. Methan und oft auch CO2 werden in großen Mengen freigesetzt, wenn wieder Wasser auf die trockenen Moorflächen geleitet wird.

Gewaltige Methanemissionen

„Im Hütelmoor wird zehnmal soviel Methan pro Quadratmeter emittiert wie in der Arktis“, berichtete Torsten Sachs, Leiter der Arbeitsgruppe Erde-Atmosphäre Wechselwirkungen am Deutschen Geoforschungszentrum in Potsdam (GFZ) auf der diesjährigen Tagung des Helmholtz-Forschungsverbundes Regionale Klimaänderungen. Die Universität Rostock, mit der Sachs und seine Gruppe zusammenarbeiten, betreibt in dem Moor bei Rostock seit 2009 Langzeitbeobachtungen. Seit 2013 läuft ein entsprechendes Projekt von Sachs‘ GFZ-Gruppe im Polder Zarnekow an der Peene bei Dargun.

Das Hütelmoor bei Rostock ist nur durch einen schmalen Dünenstreifen von der Ostsee getrennt, seit dem 16. Jahrhundert wird es entwässert und als Grünland genutzt. 1992 wurden die Entwässerungsgräben geschlossen, seit 2010 ist das über 500 Hektar große Areal auch in den trockenen Sommermonaten gewässert. Zarnekow wurde seit dem 18. Jahrhundert entwässert und für die Landwirtschaft genutzt, mit der Intensivierung in den 60er Jahren wurde das ehemalige Moor tiefgreifend geschädigt und sackte teilweise unter den Pegelstand des Flusses ab. 2005 wurden die Peene-Deiche durchstochen und Wasser auf rund 420 Hektar ehemaliges Moor geleitet. In beiden Mooren haben die GFZ-Wissenschaftler Messtürme installiert, die den Gasaustausch zwischen Moor und Atmosphäre über größere Flächen messen. Sie werden an etlichen Stellen durch Detailmessungen in Bodennähe ergänzt, außerdem gibt es immer wieder Flugkampagnen.

Renaturierung fördert zunächst Treibhausgasemissionen

Die Datenreihen des GFZ zeigen, dass die Renaturierung nicht nur viel Zeit kostet, sondern für das Klima zunächst auch eine Verschlimmerung mit sich bringt. Im Polder Zarnekow etwa wird neben Methan auch noch Kohlendioxid freigesetzt. „Im Sommer 2017 waren die CO2-Emissionen erstmals über längere Zeit negativ, in 2018 hoffen wir, dass auch der Jahressaldo negativ sein wird“, sagte Sachs und meint damit, dass das Moor per Saldo mehr Kohlendioxid bindet als es ausgast. Entscheidender aber ist das Methan, das über 100 Jahre betrachtet die 28fache Treibhauswirkung von Kohlendioxid besitzt. Seine Freisetzung stieg im Hütelmoor um das 100fache auf 210 Gramm pro Quadratmeter an, sobald das ehemalige Moor geflutet worden war. Im Polder Zarnekow werden seit der Flutung durch die Peene vergleichbare Werte gemessen. Messwerte aus der Zeit vor der Renaturierung gibt es nicht, aber vergleichbar entwässerte Moore der Umgebung setzen fast gar kein Methan frei.

Während sich im Hütelmoor die Emissionen langsam verringern, scheint es im Polder Zarnekow weiterhin genügend mikrobielle Methanproduzenten zu geben, die das verfügbare Biomaterial für ihren Lebensunterhalt zersetzen und dabei Methan abgeben. Die Wissenschaftler ziehen daraus den Schluss, dass das Moor an der Ostseeküste langsam in einen stabilen Zustand übergeht, während an der Peene die Ausgasungen noch lange andauern können. Wie lange, ist derzeit nicht absehbar.