12. Dez. 2019
Die anatomisch modernen Menschen, hier eine Darstellung aus dem Neandertal-Museum, waren möglicherweise unschuldig am Untergang der Neandertaler.

Die anatomisch modernen Menschen, hier eine Darstellung aus dem Neandertal-Museum, waren möglicherweise unschuldig am Untergang der Neandertaler.

Die Rolle des anatomisch modernen Menschen beim Untergang der Neandertaler ist eines der großen Streitthemen der Frühmenschenforschung. Waren die Menschen, die vor rund 60.000 Jahren aus Afrika in Europa ankamen, Konkurrenten oder gar direkte Gegner der Neandertaler, die sie im Wettbewerb um die Ressourcen oder sogar im direkten Kampf überflügelten? Eine neue Studie in "PLoS One" zeigt, dass die Neandertaler auch ohne die Mitwirkung der modernen Menschen in einer Existenzkrise waren.

Am Ende der Neandertaler war unsere eigene Art möglicherweise ganz unbeteiligt. "Unsere Studie zeigt, dass anatomisch moderne Menschen nicht nötig waren, damit der Neandertaler ausstarb, es war möglicherweise schieres Pech", sagt Krist Vaesen, Professor für Innovationsphilosophie an der Technischen Universität Eindhoven. Zusammen mit Paläoanthropologen und Biostatistikern hat Vaesen in "PLoS One" die Ergebnisse vorgestellt, zu denen Populationsmodelle aus der Ökologie kommen, wenn sie auf unsere nächsten Verwandten angewandt werden. Und danach brauchte es keinen Gegner oder Konkurrenten, der schlauer oder zahlreicher war, damit die Geschichte der Neandertaler in Europa vor 40.000 Jahren endete.

Rekonstruktion einer Neandertaler-Frau

Rekonstruktion einer Neandertaler-Frau.

Bild: PLoS (CC BY 2.5)
Porträt eines Neandertalers

Porträt eines Neandertalers.

Bild: Petr Kratochvil (CC0)
1 / 2

Rekonstruktion einer Neandertaler-Frau.

Bild: PLoS (CC0)

Porträt eines Neandertalers.

Bild: Petr Kratochvil (CC0)

Stattdessen hätten die drei Faktoren in Kombination ausgereicht, mit denen auch moderne Tierschützer zu kämpfen haben, wenn sie versuchen bedrohte Tierarten zu erhalten: Inzucht, verringerte Nachkommenschaft und der Zufall. Keiner von ihnen ist entscheidend, aber zusammen können sie für kleine Populationen das Ende bedeuten. Und klein war die Neandertaler-Population zweifellos. Selbst zu ihren besten Zeiten dürfte sie zwischen 7.000 und 20.000 Individuen betragen haben, die über ein riesiges und durch die kaltzeitlichen Gletscher zersplittertes Gebiet verstreut waren. Die Neandertaler lebten in kleinen Gruppen, die sehr viel Abstand zueinander hielten und damit kamen bei ihnen die drei Risikofaktoren für bedrohte Arten zum Tragen.

Die kleinen Gruppen ohne nennenswerten Kontakt zueinander förderten die Inzucht. Das harte Leben ohne den Schutz und die Arbeitsteilung eines großen Verbandes führte dazu, dass die Frauen seltener Kinder bekamen, was in der Populationsökologie als Allee-Effekt bekannt ist. Bei kleinen Populationen fallen zudem Zufallsereignisse wie Naturkatastrophen oder Epidemien wesentlich stärker ins Gewicht, weil schon ein Einzelereignis die gesamte Gruppe vernichten kann. Die niederländischen Forscher ließen ihre Modelle für unterschiedlich große Populationen rechnen und selbst bei der größten Zahl von 5000 Individuen war das Ergebnis gleich. "Wir haben unsere Modelle über zehntausend Jahre laufen lassen, um zu sehen, ob die Neandertaler in dieser Zeitspanne ausstarben", so Vaesen, "und diese drei Faktoren haben dafür ausgereicht."

Diskussion erneut entfacht

Die Neandertalerforscher können der Anleihe aus der Ökologie durchaus etwas abgewinnen. "Wir wissen, dass die Populationen bereits über Jahrtausende hinweg klein, isoliert und von Inzucht betroffen waren", so Penny Spikins von der Universität York gegenüber dem "Guardian", "dann kam einfach Pech hinzu und sie starben aus." Allerdings legen Vaesen und seine Kollegen Wert darauf, dass sie eine negative Rolle des anatomisch modernen Menschen nicht ausgeschlossen haben. Die Modelle hätten nur gezeigt, dass dieser Einfluss nicht nötig gewesen sei. Durchaus denkbar sei zum Beispiel, dass die Neueinwanderer die ohnehin schon spärlichen Kontakte zwischen den Neandertalergruppen noch weiter einschränkten, einfach weil sie den Raum zwischen deren Revieren besetzten.

Allerdings macht Chris Stringer vom Museum für Naturkunde in London auf eine auffällige Parallele in der frühen Menschheitsgeschichte aufmerksam: "In den vergangenen 60.000 Jahren starben nicht nur die Neandertaler aus, sondern auch die Denisovaner, der Homo floresiensis in Flores und der Homo luzonensis auf den Philippinen und möglicherweise sogar der Homo erectus in Indonesien. Wenn wir all das in Betracht ziehen, fällt es schwer, die Konkurrenz durch den anatomisch modernen Menschen nicht doch als gemeinsamen Faktor zu werten." Die Diskussion ist demnach auf keinen Fall beendet, doch möglicherweise war die Rolle des modernen Menschen viel bescheidener als man bisher dachte.