22. Feb. 2018

Wandmalerei aus der Höhle La Pasiega in Kantabrien. Das leiterförmige Symbol, Mitte links, wurde auf ein Alter von mindestens 64.000 Jahren datiert.

Schon lange zweifeln viele Paläoanthropologen am traditionellen Neandertalerbild. Gar so tumb und intellektuell unterlegen könne die archaische Menschenart nicht gewesen sein, die Europa und die angrenzenden Gebiete bis vor etwa 30.000 Jahren bewohnte. Geglückt ist die Neubewertung des Urmenschen bislang nicht, vor allem weil die Funde, die für sie herangezogen wurden, aus einer Zeit stammen, in der bereits anatomisch moderne Menschen anwesend waren. Zwei Publikationen in Zeitschriften der "Science"-Familie legen jetzt Datierungen vor, die eindeutig der Neandertaler-Periode zuzuordnen sind.

Die älteste Kunstgalerie der Welt steht im Nordwesten Spaniens. In der Höhle La Pasiega im kantabrischen Puente Viesgo gibt es Wandmalereien, die ein Archäologen-Team aus Deutschland, Großbritannien, Frankreich und Spanien jetzt auf ein Alter zwischen 65.000 und 84.000 Jahre datiert hat. Die Forschenden haben Höhlenkunst aus dieser und zwei weiteren Grotten, eine davon in Andalusien, die andere in der Extremadura, mit der Blei-Thorium-Methode datiert und ihre Ergebnisse in der aktuellen "Science" veröffentlicht. "Mit einem Alter von mehr als 64.000 Jahren sind sie mindestens 20.000 Jahre älter als die frühesten Spuren des modernen Menschen in Europa", erklärt Alistair Pike, Archäologieprofessor an der Universität Southampton in einer Pressemitteilung der Max-Planck-Gesellschaft.

Muschelschmuck aus der Eem-Warmzeit

In die gleiche Richtung zeigt eine weitere Studie derselben Forscherinnen und Forscher in "Science Advances". Dort waren Muscheln aus der Cueva de los Aviones am Hafen von Cartagena in Murcia datiert worden, die mit Ocker bemalt und durchbohrt sind und deshalb als Schmuck angesehen werden. Ihr Alter wurde mit Hilfe der Uran-Thorium-Methode auf 115.000 bis 120.000 Jahre datiert. Damit kommen in beiden Fällen nur noch Neandertaler als Künstler in Frage - und so avancieren die vier spanischen Höhlen zu einem unbestreitbaren Beleg für fortgeschrittene intellektuelle Fähigkeiten der archaischen Menschenart, die vor rund 30.000 Jahren in Europa durch den anatomisch modernen Menschen verdrängt wurde. Die Wandmalereien der Neandertaler bestehen aus Handabdrücken, Punkten und Strichen sowie aus Tierdarstellungen. Sie sind bei weitem nicht so hoch entwickelt wie die Tierzeichnungen in den südfranzösischen Höhlen von Chauvet oder Lascaux, die allerdings auch rund 30.000 Jahre jünger sind.

 "Die Entstehung der symbolisch-materiellen Kultur ist eine fundamentale Schwelle im Lauf der menschlichen Evolution", sagt Hauptautor Dirk Hoffmann vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig in der MPG-Mitteilung. "Sie bestätigen, was schon vor langem hätte klar sein müssen: Dass die Neandertaler sozial und psychologisch, sowie von ihren kognitiven Fähigkeiten und ihrem symbolischem Verständnis her den modernen Menschen ähneln", betont der Paläoanthropologe Erik Trinkaus von der Washington University im amerikanischen St. Louis, in einer E-Mail an planeterde. Er gehört der Arbeitsgruppe nicht an, tritt allerdings schon seit Jahren für eine drastische Änderung des traditionellen Neandertalerbildes ein, das diesen als einen vergleichsweise tumben Toren einschätzt.

Uran-Thorium-Datierung ersetzt Radiokarbon-Methode

Die Zeugnisse, um die es geht, sind keineswegs neu, konnten bislang jedoch nicht zuverlässig datiert werden. Die Radiokarbondatierung liefert nur bis etwa 50.000 Jahre verlässliche Angaben. Dank der jüngsten Fortschritte in der Uran-Thorium-Datierung haben Hoffmann und seine Kollegen die Datierungslücke schließen können, denn diese Methode reicht rund 500.000 Jahre zurück. Ihre Angaben haben bis auf wenige Ausnahmen eine nur geringe Schwankungsbreite. „Die Autoren sind Experten auf dem Gebiet und haben jahrelange Erfahrung“, betont Andrea Picin, Wissenschaftler in der Abteilung Archäologie des MPI für Menschheitsgeschichte in Jena, „ich glaube, dass die Ergebnisse schlüssig und zuverlässig sind.“ Auch Picin gehört der Arbeitsgruppe nicht an und nahm per E-Mail Stellung.

Bohrkerne werden aus der Sinterterrasse gewonnen, die in der Cueva de los Aviones in Murcia, Spanien, die Schicht mit den als Schmuck benutzten Muscheln überlagert.

Bohrkerne werden aus der Sinterterrasse gewonnen, die in der Cueva de los Aviones in Murcia, Spanien, die Schicht mit den als Schmuck benutzten Muscheln überlagert.

Bild: Science/J. Zilhao
Perforierte Muscheln aus der Cueva de los Aviones in Murcia, Spanien, die auf ein Alter von mindestens 115.000 Jahren datiert sind.

Perforierte Muscheln aus der Cueva de los Aviones in Murcia, Spanien, die auf ein Alter von mindestens 115.000 Jahren datiert sind.

Bild: Science/J. Zilhao
Die Cueva de los Aviones direkt am Hafen von Cartagena in Murcia, Spanien.

Die Cueva de los Aviones direkt am Hafen von Cartagena in Murcia, Spanien.

Bild: Science/J. Zilhao
Nahaufnahme der 64.000 Jahre alten Wandzeichnung in der Höhle La Pasiega in Kantabrien.

Nahaufnahme der 64.000 Jahre alten Wandzeichnung in der Höhle La Pasiega in Kantabrien.

Bild: Science/C.D Standish, A.W.G. Pike, D.L. Hoffmann
Dirk Hoffman und Alistair Pike nehmen eine Kalkprobe von der 64.000 Jahre alten Wandzeichnung in der Höhle La Pasiega in Kantabrien.

Dirk Hoffman und Alistair Pike nehmen eine Kalkprobe von der 64.000 Jahre alten Wandzeichnung in der Höhle La Pasiega in Kantabrien.

Bild: Science/J. Zilhao
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Bohrkerne werden aus der Sinterterrasse gewonnen, die in der Cueva de los Aviones in Murcia, Spanien, die Schicht mit den als Schmuck benutzten Muscheln überlagert.

Bild: Science/J. Zilhao

Perforierte Muscheln aus der Cueva de los Aviones in Murcia, Spanien, die auf ein Alter von mindestens 115.000 Jahren datiert sind.

Bild: Science/J. Zilhao

Die Cueva de los Aviones direkt am Hafen von Cartagena in Murcia, Spanien.

Bild: Science/J. Zilhao

Nahaufnahme der 64.000 Jahre alten Wandzeichnung in der Höhle La Pasiega in Kantabrien.

Bild: Science/C.D Standish, A.W.G. Pike, D.L. Hoffmann

Dirk Hoffman und Alistair Pike nehmen eine Kalkprobe von der 64.000 Jahre alten Wandzeichnung in der Höhle La Pasiega in Kantabrien.

Bild: Science/J. Zilhao

Das Team um Dirk Hoffmann hat nicht die Malerei direkt datiert, sondern im Fall der Höhlenkunst Kalkausblühungen unterhalb und auf den Darstellungen. Im Fall des Muschelschmucks ist es eine Sinterterrasse, also eine Kalkablagerung oberhalb der Schicht, in der die Muscheln gefunden wurden. In beiden Fällen erhält man ein Mindestalter der Artefakte, im Fall der Höhlenmalereien sogar eine altersmäßige Untergrenze. Die für die Datierung verwendeten Schwermetalle Uran und Thorium sind Spurenstoffe des Wassers, das letztlich für die Kalküberzüge verantwortlich ist.  In der Höhle von Ardales in Andalusien konnten die Forscher so nachweisen, dass die Bemalung der Wände kein einmaliges Unterfangen war, sondern dass die Kunstwerke über einen Zeitraum von 25.000 Jahren entstanden.

Neubewertung der Neandertaler

Die Datierungen von Hoffmann und seinen Kollegen bekräftigen eine Neubewertung der Neandertaler, für die nicht nur Erik Trinkaus seit Jahren kämpft. "Die Fähigkeiten der Neandertaler werden permanent unterschätzt, sowohl von Wissenschaftlern als auch in der Öffentlichkeit", schreibt etwa Katerina Harvati, Professorin für Paläoanthropologie an der Universität Tübingen, in einer E-Mail an planeterde. Sie seien zwar in punkto Werkzeuge und Kunstwerke nicht so raffiniert gewesen, wie die anatomisch modernen Menschen späterer Kaltzeitperioden, dennoch seien sie eine sehr erfolgreiche Menschenart gewesen, die Jahrhunderttausende zum Teil unter sehr harschen Bedingungen wie denen der Würm-Kaltzeit überlebt hätten. "Ich glaube, dass es sehr wahrscheinlich ist, dass sie grundsätzliche Elemente des symbolischen Denkens und auch so etwas wie Sprache besaßen", so Harvati weiter. So sieht es auch Andrea Picin vom Jenaer MPI für Menschheitsgeschichte: "Jüngste Entdeckungen weisen darauf hin, dass die Neandertaler Farben oder Federn als Körperschmuck verwendeten, dass sie ausgefeilte Jagdmethoden kannten, Feuer benutzten und Nahrung teilten, ja, dass sie auch Ihre Toten bestatteten, die Wandmalereien überraschen mich daher nicht."

Allerdings stammen die Belege für Kunst und Körperschmuck bis dato aus einer Zeit, in der schon anatomisch moderne Menschen in Europa anwesend waren. Es konnte daher nie ausgeschlossen werden, dass die Neandertaler all diese kulturellen Errungenschaften bei ihren moderneren Zeitgenossen abgekupfert hatten, ohne selbst die notwendigen intellektuellen Fähigkeiten zu besitzen. "Unseren neuen Daten zufolge konnten auch Neandertaler symbolisch denken und waren kognitiv nicht vom modernen Menschen zu unterscheiden", sagt João Zilhão, Forscher an der Universität Barcelona, der an beiden Studien beteiligt war. "Auf der Suche nach den Ursprüngen von Sprache und entwickeltem menschlichem Wahrnehmungs- und Denkvermögen müssen wir deshalb mehr als eine halbe Million Jahre zurückblicken, auf den gemeinsamen Vorfahren von Neandertalern und modernen Menschen."

Ganz soweit will Katerina Harvati ihm da dann allerdings nicht folgen: "Es gab wahrscheinlich schon Unterschiede", schreibt die Paläoanthropologin, "und diese Idee wird auf bestechende Weise von den beiden Studien unterstützt." Schließlich seien die Felsmalereien, die Dirk Hoffmann und seine Kolleginnen und Kollegen den Neandertalern zuschreiben, sehr einfach, wenn man sie mit den späteren Werken der anatomisch modernen Menschen vergleiche.