25. Jan. 2019
Das Dibble-Eisschelf gehört zu den Teilen von Wilkesland, in denen die Ostantarktis Eis verliert.

Das Dibble-Eisschelf gehört zu den Teilen von Wilkesland, in denen die Ostantarktis Eis verliert.

Die Eiskappen der Erde sind seit Jahrzehnten in Bewegung, aus Grönland, von der Antarktischen Halbinsel und der Westantarktis werden steigende Eismassenverluste gemeldet. Einzige Ausnahme war bislang die gigantische Ostantarktis, der von einzelnen Studien sogar ein kleiner Gletschergewinn attestiert wurde. Eine umfassende Auswertung von Beobachtungs- und Modelldaten aus den vergangenen 40 Jahren, die jetzt in den Abhandlungen der US-Akademie der Wissenschaften erschien, widerspricht. Danach schmilzt auch die Ostantarktis seit den 80er Jahren.

Die Ostantarktis ist offenbar ein nur scheinbar schlafender Riese. Eine neue Auswertung von Beobachtungs- und Simulationsdaten über Eisabflüsse der vergangenen vier Jahrzehnte hat ergeben, dass rund 4,5 der rund 14 Millimeter, die der eisbedeckte Südkontinent zum globalen Meeresspiegelanstieg beitrug, auf das Konto des ostantarktischen Schildes gehen. "Die traditionelle Annahme, dass sich diese Eismasse kaum verändert, scheint Wunschdenken gewesen zu sein", schlußfolgert Studienleiter Eric Rignot gegenüber der "Washington Post".

Das Schicksal des Larsen-C-Schelfs droht vielen Schelfgebieten der Antarktis: 2002 zerbrach es innerhalb weniger Monate.

Das Schicksal des Larsen-C-Schelfs droht vielen Schelfgebieten der Antarktis: 2002 zerbrach es innerhalb weniger Monate.

Bild: NASA
Temperatur des Zirkumpolaren Tiefenwassers in der Antarktis.

Temperatur des Zirkumpolaren Tiefenwassers in der Antarktis.

Bild: PNAS/Eric Rignot et al.
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Das Schicksal des Larsen-C-Schelfs droht vielen Schelfgebieten der Antarktis: 2002 zerbrach es innerhalb weniger Monate.

Bild: NASA

Temperatur des Zirkumpolaren Tiefenwassers in der Antarktis.

Bild: PNAS/Eric Rignot et al.

Tatsächlich, so schreiben der Professor für Geowissenschaften an der Universität von Kalifornien in Irvine und seine Kollegen, habe vor allem Wilkesland in der Ostantarktis während der gesamten vier Jahrzehnte  an Eismasse verloren, der Verlust sei während der 80er Jahre sogar noch höher gewesen als in jüngster Zeit. Wilkesland ist ein rund 2,6 Millionen Quadratmeter großer Sektor der Antarktis, der zum Indischen Ozean hin liegt und von Australien beansprucht wird.

Ausführliche Diskussion über Daten wird erwartet

Der Befund kontrastiert stark mit einer Eismassebilanz, die ein internationales Team im vergangenen Jahr in "Nature" vorlegte. Dort wurde der Ostantarktis für die vergangenen 25 Jahre noch ein Nettogewinn an Eis von fünf Milliarden Tonnen pro Jahr attestiert, Rignot und sein Team kommen dagegen für den selben Zeitraum auf einen Schwund von 57 Milliarden Tonnen pro Jahr. Der Unterschied könnte bedeuten, dass der Klimawandel die Ostantarktis inzwischen doch erreicht hat. "Wenn das stimmt, dann ändert sich bei der Bestimmung des Meeresspiegelanstiegs in diesem Jahrhundert alles", äußert sich der Princeton-Klimatologe Michael Oppenheimer gegenüber "Science".

Es ist daher kein Wunder, dass solche Diskrepanzen für heftige Diskussionen in der Fachwelt sorgen. "Die Bilanzierungsmethoden werden intensiv verglichen werden", sagte etwa Richard Alley, Glaziologe an der Pennsylvania State University gegenüber "Science". Er erwartet eine längere Auseinandersetzung. Die Diskussion wird nicht zuletzt dadurch befeuert werden, dass es vergleichsweise wenige Erkenntnisse über die Ostantarktis gibt. Das Interesse der Wissenschaft hatte sich zuletzt auf die Westantarktis konzentriert, deren Eisschild zu großen Teilen Meeresbecken füllt, in die das vergleichsweise warme Ozeanwasser leichter eindringen kann. Die Eismasse der Ostantarktis dagegen schien ungefährdet, weil sie vor allem auf dem Kontinent liegt. Daher wurde dort weniger intensiv geforscht. Das müsse sich umgehend ändern, fordern Eric Rignot und seine Koautoren in ihrem PNAS-Bericht.

Warmes Meereswasser schmilzt Eisschelfe ab

Der Faktor, der Teilgebiete der Ostantarktis zum Schmelzen bringt, ist derselbe, der auch in den beiden anderen Teilen des Südkontinents am Werk ist. Vergleichsweise warmes Tiefenwasser aus dem antarktischen Ringstrom dringt unter die Schelfeisflächen vor den Küsten und schmilzt sie von unten ab. Rignot und seine Kollegen bezeichnen diesen Mechanismus als „kraftvoll“. Der Klimawandel verstärkt die Westwinde, die den Ringstrom antreiben, und diese drängen die Tiefenwasserströme immer dichter an den antarktischen Kontinent und damit an den Gürtel aus Schelfeisgebieten. Die Eisschelfe bremsen den Fluss der Gletscher vom Antarktischen Kontinent ins Meer. Werden sie geschwächt oder gar zerbrochen, kennt der Abfluss der Eisströme kein Halten mehr. Als zu Beginn des Jahrhunderts das Larsen-B-Eisschelf an der Ostküste der Antarktischen Halbinsel zerbrach, verdoppelte sich die Fließgeschwindigkeit der Gletscher.

Noch deuten die Daten nur darauf hin, dass das warme Tiefenwasser an einem kurzen Abschnitt der Ostantarktis bis in Schelfeisnähe gelangt ist. Doch Rignot und seine Kollegen schreiben, dass möglicherweise der gesamte Küstenabschnitt von Wilkesland und der des westlich angrenzenden Adélielandes von dem warmen Wasserstrom erfasst werden könnte. Damit wäre gut ein Drittel der Ostantarktischen Küste betroffen und der Eisabfluss vom Südkontinent dürfte sich noch stärker beschleunigen. In den vergangen 40 Jahren hat er sich bereits versechsfacht, von 40 Milliarden Tonnen in den 80er Jahren auf 252 Milliarden im vergangenen Jahrzehnt.