11. Jun. 2019
Atomwaffentest 1956 auf dem Enewetak-Atoll im Westpazifik.

Atomwaffentest 1956 auf dem Enewetak-Atoll im Westpazifik.

Den Großteil ihrer Kernwaffentests in den 40er und 50er Jahren des vergangenen Jahrhunderts führten die USA auf den beiden Atollen Bikini und Enewetak durch. Die Inseln im Westpazifik waren weit von dichtbevölkerten Regionen oder Schifffahrtsrouten entfernt und ihre Bevölkerung zählte nur wenige Hundert Menschen, die man auf andere Atolle der Marshall-Inseln evakuierte. Nach dem Ende der Tests reinigte das US-Militär Ende der 70er Jahre die Testgebiete und auf Enewetak siedelten sich wieder Menschen an. Die Belastung durch radioaktive Hinterlassenschaften der Tests blieb allerdings im Untergrund erhalten. Seither ist umstritten, wie hoch das Risiko ist.

Enewetak scheint ein Paradies zu sein. 40 Koralleninseln mitten im Pazifik bilden ein Atoll mit knapp 40 Kilometer Durchmesser, sie krönen den Gipfel eines Seeberges, der vom Tiefseeboden bis knapp 1400 Meter unter die Wasseroberfläche emporragt. "Es sieht unberührt und wunderschön aus, mit tropischen Korallenriffen und Fischen", beschreibt Ken Buesseler von Ozeanographiezentrum Woods Hole bei Boston, der das Atoll an Bord einer Privatjacht besuchen durfte. "Das Schiff gehört einem Milliardär, der es zu einem Forschungsschiff ausgebaut hat und uns Anfang 2015 fragte, ob wir mitkommen wollten, als er das Atoll zum Tauchen besuchte", so Buesseler.

Die Runit-Kuppel auf dem gleichnamigen Inselchen deckt ein Lager für die strahlenden Hinterlassenschaften der Nukleartests auf Enewetak zu.

Die Runit-Kuppel auf dem gleichnamigen Inselchen deckt ein Lager für die strahlenden Hinterlassenschaften der Nukleartests auf Enewetak zu.

Bild: US DoD (public domain)
Einer der ersten Atombombentests auf Enewetak im April 1948.

Einer der ersten Atombombentests auf Enewetak im April 1948.

Bild: US DNA (public domain)
Das Enewetak-Atoll im Westpazifik aus der Umlaufbahn eines Landsat-Satelliten gesehen.

Das Enewetak-Atoll im Westpazifik aus der Umlaufbahn eines Landsat-Satelliten gesehen.

Bild: NASA (public domain)
Unterwassertest einer Wasserstoffbombe im Enewetak-Atoll am 8. Juni 1958.

Unterwassertest einer Wasserstoffbombe im Enewetak-Atoll am 8. Juni 1958.

Bild: US DoD (public domain)
Krater eines kleinen Atombombentests auf Runit vom 5. Mai 1958, der 20 Jahre mit der Runit-Kuppel bedeckt wurde.

Krater eines kleinen Atombombentests auf Runit vom 5. Mai 1958, der 20 Jahre mit der Runit-Kuppel bedeckt wurde.

Bild: US DoD (public domain)
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Die Runit-Kuppel auf dem gleichnamigen Inselchen deckt ein Lager für die strahlenden Hinterlassenschaften der Nukleartests auf Enewetak zu.

Bild: US DoD (public domain)

Einer der ersten Atombombentests auf Enewetak im April 1948.

Bild: US DNA (public domain)

Das Enewetak-Atoll im Westpazifik aus der Umlaufbahn eines Landsat-Satelliten gesehen.

Bild: NASA (public domain)

Unterwassertest einer Wasserstoffbombe im Enewetak-Atoll am 8. Juni 1958.

Bild: US DoD (public domain)

Krater eines kleinen Atombombentests auf Runit vom 5. Mai 1958, der 20 Jahre mit der Runit-Kuppel bedeckt wurde.

Bild: US DoD (public domain)

Der Radiochemiker überlegte nicht lange, denn Enewetak ist nur scheinbar ein Paradies. Von 1948 bis 1958 führten die USA hier 43 nukleare Bombentests durch. Das Erbe dieser Testreihen schlummert dicht unterhalb der Oberfläche des Paradieses. Immer wieder wird daher von radioaktiven Gefahren für den Pazifik gesprochen, zuletzt von UN-Generalsekretär Antonio Guterres, der Mitte Mai vor Studenten auf den Fidschi-Inseln vor einem Leck in einem Lager für radioaktive Trümmer warnte.

Lager für Überreste der Kernwaffentests in der Kritik

Guterres meinte die sogenannte Runit-Kuppel. Mit diesem Betondeckel deckten US-Soldaten Ende der 70er Jahre einen alten Atombombenkrater auf dem Inselchen Runit ab, der zum Lager für die strahlenden Überreste der 43 Kernwaffentests umgewandelt worden war. Hier landeten Bombenreste, Trümmer von Bauwerken und Installationen und nicht zuletzt die obersten Schichten der Inselböden von Enewetak, die durch den radioaktiven Fallout belastet waren. All das ließ die US-Regierung damals einsammeln, damit das Atoll wieder von seinen Bewohnern besiedelt werden konnte. "Es ist eine Mixtur aus Trümmern, Zement und Erde von den nördlichen Inseln des Atolls, um dort die Plutoniumbelastung zu verringern", berichtet Terry Hamilton, der beim Lawrence-Livermore National Laboratory das Radioökologie-Programm der US-Regierung für die Testgebiete im Pazifik leitet.

"Wir vermuten, dass radioaktive Stoffe aus der Runit-Kuppel austreten, aber selbst, wenn sie in das Lagunenwasser gelangen, können wir sie nicht messen. Denn die Hintergrundbelastung dort ist viel zu groß”, so Hamilton. Im Sediment der im Durchschnitt 48 Meter tiefen Lagune haben sind wesentlich mehr und stärker strahlende Rückstände der 43 Explosionen angesammelt als in dem Sammellager, das die US-Streitkräfte 1978 anlegten. Kontaminierter Staub wurde hineingeweht, radioaktiver Fallout ging unmittelbar auf dem Wasser nieder, sicher wurden auch zahlreiche Trümmerteile direkt im Wasser entsorgt.

Wasserbelastung ist erstaunlich gering

Allerdings ist inzwischen die Belastung des Wassers im ehemaligen Kernwaffentestgebiet erstaunlich gering. Die Radionuklide, die sich im Wasser lösen konnten, sind längst in den Pazifischen Ozean hinausgedriftet und dort in der Hintergrundbelastung verschwunden, die durch die Atomtests insgesamt – in der Luft, unterirdisch, an Land und auf den Atollen – verursacht wurde. Der Rest der strahlenden Hinterlassenschaft steckt im Sediment und ist wegen der chemisch-physikalischen Eigenschaften der Nuklide auch relativ fest dort gebunden.

"Insgesamt sehen wir keine erhöhten Werte für Radionuklide in der Lagune, mit Ausnahme des Plutoniums", so Hamilton, "aber dieses Plutonium löst sich im Sediment der Lagune und kommt nicht aus dem Lager." Die Radiochemiker sind sich dessen sehr sicher, weil das Plutonium in der Umgebung eine Isotopensignatur besitzt, die nicht mit der des Lagers übereinstimmt. Auf Runit sind vor allem kleine Sprengsätze detoniert, deren Isotopensignatur stärker der des Originalsprengstoffs entspricht. Im Lager dagegen dominieren Reste aus dem nördlichen Enewetak-Atoll, wo die großen Wasserstoffbomben getestet wurden. "Die haben ein höheres Verhältnis von Plutonium-240 zu Plutonium-239", so Hamilton.

Lagerdeckel durch Klimawandel bedroht

Allerdings könnte die Runit-Kuppel in Zukunft stärker lecken als bislang. Der Beton ist schließlich 40 Jahre alt und beginnt zu reißen. Außerdem liegt der Deckel nur knapp über der Meeresoberfläche, schon jetzt erreichen ihn bei einem starken Sturm die Wellen des Ozeans. "Die Kuppel ist sicherlich anfällig gegen Sturmfluten", sagt Terry Hamilton, "wenn also die Zahl und die Intensität der Stürme wie prognostiziert zunimmt, dann könnte das zu stärkeren Leckagen führen." Doch auch dann sieht der Wissenschaftler noch kein erhöhtes Risiko für das Atoll, denn die Hintergrundstrahlung aus dem Lagunensediment ist weiterhin deutlich höher.

Das gibt auch Ken Buesseler, der nicht für die Regierung arbeitet, zu. Grund für Entwarnung sieht er dennoch nicht. "Es stimmt, dass es außerhalb des Lagers viel mehr Radioaktivität gibt als darin, aber trotzdem klingt es ziemlich herablassend, wenn man sagt, die Leute sollten sich nicht vor dem Lager fürchten." Problematisch sei weiterhin die radioaktive Belastung der Inseln selbst. "Man kann auf Enewetak schwimmen und herumlaufen und alles ist in Ordnung", betont der Radiochemiker, "aber es macht einen großen Unterschied, wenn man in dem belasteten Gebiet gräbt, den Staub einatmet, Pflanzen anbaut oder Kokosnüsse erntet und Meeresfrüchte isst." Buesseler spielt auf die vielleicht 700 Einwohner an, die seit den 80er Jahren zurück auf die Koralleninseln zogen. Ackerbau und fischen ist ihnen verboten, versorgt werden sie daher durch Lebensmittellieferungen, die durch die Regierung der Marshall-Inseln und US-Fonds bezahlt werden.

Atollbewohner ohne Arbeitsmöglichkeiten

Viel mehr wird allerdings offenbar nicht für die Bewohner von Enewetak getan. "Es gibt dort keine Wirtschaft und ihre Lebensweise ist kaum noch das, was sie traditionell kennen. Für ein bisschen Geld für Zigaretten, Treibstoff oder Alkohol, durchsuchen sie den Boden und die Sedimente am Strand nach Kupferdraht", so Buesseler. Manche bauen allen Verboten zum Trotz doch Nutzpflanzen an, andere gehen auf Muschelfang oder zum Fischen. Damit allerdings mobilisieren sie die Radionuklide im Untergrund. Cäsium-137 wird durch bestimmte Pflanzen angereichert, ebenso wie Strontium-90. Besonders heikel ist jedoch Plutonium. Solange es im Sediment und in den tieferen Bodenschichten gefangen ist, ist es tatsächlich relativ ungefährlich, denn seine Alphastrahlung hat nur eine sehr kurze Reichweite. Wird es aber verschluckt oder eingeatmet, kommen die strahlenden Partikel in direkten Kontakt mit dem Verdauungstrakt oder der Lunge und dort kann die Plutonium-Strahlung ungebremst Schaden anrichten.

Das US-Energieministerium, das für die Kernwaffen und damit auch für die Folgen der Waffentests verantwortlich ist, versucht diese Risiken mit einer strikten Überwachung der Inselbevölkerung zu minimieren. "Wir verwenden Körperzähler und Unrintests für Plutonium", berichtet Terry Hamilton, "und die Resultate zeigen, dass die Inselbevölkerung keiner höheren Belastung durch Plutonium ausgesetzt ist als der Rest der Weltbevölkerung auf der Nordhemisphäre."