12. Jun. 2020
Ein Brachiopode der Art Neobolus wulongqingensis mit zahlreichen Parasiten auf der Schale.

Ein Brachiopode der Art Neobolus wulongqingensis mit zahlreichen Parasiten auf der Schale.

Parasiten hat es offenbar schon ganz am Anfang des vielzelligen Lebens gegeben. Darauf deuten Fossilien aus Südchina hin, in denen die Schalen von Brachiopoden von bis zu sechzehn Röhren überzogen sind. Die Brachiopoden, die besonders stark von diesen Röhren bedeckt waren, waren deutlich kleiner als ihre Artgenossen, berichten Forscher in "Nature Communications".

Der Beginn des Kambriums vor 542 Millionen Jahren wird durch das plötzliche Auftreten zahlloser Tierarten markiert, die "kambrische Artenexplosion" war der Beginn der bis heute andauernden Vielfalt. "Diese Explosion der Tiere wurde begleitet von einer Explosion der ökologischen Nischen. Es entstehen die unterschiedlichsten Lebensstile, wie etwa der räuberische. Und anscheinend hat sich zu Beginn des Kambriums auch der parasitische Lebensstil entwickelt", sagt Timothy Topper vom Schwedischen Naturhistorischen Museum in Stockholm. Er und Kollegen aus China und Australien haben die wohl ersten bekannten Parasiten entdeckt – auf 512 Millionen Jahre alten Brachiopoden-Fossilien.

Fossil eines Brachiopoden der Art Neobolus wulongqingensis.

Fossil eines Brachiopoden der Art Neobolus wulongqingensis.

Bild: Nature/Zhifei Zhang, Northwest University
Brachiopoden der Art Neobolus wulongqingensis auf dem kambrischen Meeresboden.

Brachiopoden der Art Neobolus wulongqingensis auf dem kambrischen Meeresboden.

Bild: Nature/Zhifei Zhang, Northwest University
Brachiopode der Art Neobolus wulongqingensis in vergrößerter Darstellung.

Brachiopode der Art Neobolus wulongqingensis in vergrößerter Darstellung.

Bild: Nature/Zhifei Zhang, Northwest University
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Fossil eines Brachiopoden der Art Neobolus wulongqingensis.

Bild: Nature/Zhifei Zhang, Northwest University

Brachiopoden der Art Neobolus wulongqingensis auf dem kambrischen Meeresboden.

Bild: Nature/Zhifei Zhang, Northwest University

Brachiopode der Art Neobolus wulongqingensis in vergrößerter Darstellung.

Bild: Nature/Zhifei Zhang, Northwest University

"Brachiopoden ähneln äußerlich den Muscheln, hatten ihre große Zeit aber bis zum Ende des Perm vor 251 Millionen Jahren", erklärt Hauptautor Zhifei Zhang von der chinesischen Nordwest-Universität in Xian. Bis zum großen Permo-Triassischen Aussterben vor 251 Millionen Jahren, waren die Brachiopoden eine der markantesten Tiergruppen in den Ozeanen. Danach übernahmen die Muscheln ihre Rolle, auch wenn es auch später noch Brachiopoden gab und bis heute gibt.

Bis zu sechzehn Parasiten pro Brachiopode

Die Tiere schützten sich durch starke Schalen und filterten das Meerwasser mit Hilfe von armartigen Tentakeln, von denen ihre Bezeichnung abgeleitet ist. "Auf dem Meeresboden saßen sie dicht an dicht zu Hunderten oder Tausenden", so Zhang. Einen Ausschnitt aus solch einem Meeresboden haben seine Kollegen und er in der Guanshan-Fundstätte in der südchinesischen Provinz Yünnan gefunden, bevölkert von Brachiopoden der Art Neobolus wulongqingensis. "Auf vielen Schalen klebten kleine, weiße, harte Röhren außen auf der Schale. Manchmal eine, manchmal zwei, bei anderen bis zu sechzehn", so Zhang.

Welche Tiere diese Röhren bewohnten, ist nicht zu sagen. Nur in einem fand sich etwas, das ein Darm gewesen sein könnte. Aber wahrscheinlich waren die Röhrenbewohner wurmartige Wesen. "Wir vermuten, dass das für einen Brachiopoden nicht allzu gut gewesen sein konnte, wenn er es mit den Bewohnern von fünfzehn, sechzehn Röhren auf seiner Schale zu tun hatte", so Timothy Topper. Daher hat die Arbeitsgruppe 450 Brachiopoden vermessen und auch die Zahl, Größe und Ausrichtung der Röhren dokumentiert. Topper: "Die Brachiopoden mit Röhrchen waren deutlich kleiner als die ohne, bis zu 26 Prozent. Daraus haben wir geschlossen, dass die Würmer die Fitness der Brachiopoden negativ beeinflussten und daher Parasiten waren."

Damit handelt es sich wohl um den ersten Nachweis von Parasitismus, denn bislang kannte man nur einige wenige Fossilien, bei denen Wachstumsstörungen auf Parasitenbefall hindeuten könnten. Bei den aktuellen Funden scheint es dagegen klar zu sein, dass die Würmer den Brachiopoden schadeten. Außerdem passt die Ausrichtung der Röhren genau zu der Position der "Arme", mit denen die Brachiopoden ihre Nahrung heranstrudelten. Die Würmer waren in der perfekten Position, um Nahrung zu stehlen: Es handelte sich deshalb wohl im Kleptoparasiten. "Der Wurm hing im Grunde einfach über der Seite und stahl dem Brachiopoden die herangestrudelte Nahrung sozusagen vom Mund weg. Er saß einfach da, und das Futter wurde ihm auf einem Silbertablett serviert", so Zhifei Zhang. Dabei waren die Würmer offenbar ganz und gar auf ihren spezifischen Wirt angewiesen, denn Parasiten fanden sich weder auf den Trilobiten, die damals über diesen Meeresboden gekrochen sind, noch auf anderen Brachiopodenarten. Warum die Parasiten es so leicht hatten, diese eine Brachiopodenart zu befallen, das ist offen.