28. Feb. 2018

Der Fluss Aire in der Stadt Farsley zwischen Leeds und Bradford am 27. Dezember 2015.

Mit hydrologischen Modellen für Europas Flusssysteme und darauf aufbauenden Gefährdungs- und Risikokarten springt ein britisches Risikoanalyse-Unternehmen den Versicherungsmultis bei. Die sind in vielen europäischen Ländern engagiert und weil Hochwasser nicht an Landesgrenzen halt machen, können sie durchaus in finanzielle Schwierigkeiten geraten. Hochaufgelöste Überflutungsmodelle, die über Staatsgrenzen hinausgehen, zeigen die Beziehungen zwischen den weiterhin strikt getrennten Märkten auf. Manche Zusammenhänge überraschen sogar die Modellierungsexperten des britischen Analysten.

"Desmond" war ein mehr als unerwünschter Besucher, als er Anfang Dezember 2015 in den englischen Norden kam. Zwei Tage lang hing "Desmond" über den Highlands des Lake Districts und Lancashires – länger als für ein Sturmtief in einem europäischen Winter üblich – und brachte Regenfälle, wie sie der britische Wetterdienst noch nie in seinen Annalen verzeichnet hatte. Am Honister Pass im Lake District fielen am 5. Dezember 341,4 Liter Regen pro Quadratmeter – ein selbst im notorisch verregneten Vereinigten Königreich einsamer Rekord. Die Folgen bekamen vor allem die Menschen in den Tälern und Ebenen zu spüren. Dämme brachen entlang der Flüsse und ganze Städte versanken im Wasser. Zeitweilig hatten mehr als 60.000 Haushalte in Lancashire keinen Strom. In einer Bilanz aus dem Jahr 2016 berichteten der Versicherungsmulti Zurich und der britische Risikoanalyst JBA, dass 6000 Familien durch diesen einen Sturm ihr Zuhause verloren.

Die britische Regierung wurde durch die Heftigkeit überrascht, mit der "Desmond" sich über dem Norden austobte. Obwohl der Sturm bereits der vierte der Saison war, brauchte London lange, um effektive Hilfe in die betroffenen Gebiete zu entsenden. Das Kabinett Cameron machte einen unvorbereiteten Eindruck, doch man hätte es in Westminster besser wissen können. Die Risikoanalysen lagen schon lange vor. "Die Stürme Desmond, Eva und Frank kamen für uns nicht überraschend, wir hatten sie bereits modelliert und in unsere Risikokarten eingearbeitet", erklärt Naomi Booth, Risikoanalystin bei JBA Risk mit Sitz in Nord-Yorkshire, "die meisten Versicherungsgesellschaften waren vorbereitet."

Probabilistische Überschwemmungsmodelle für europäische Flusssysteme

JBA Risk arbeitet mit einem probabilistischen Hochwassermodell für Europa und zwölf ausgewählte Länder der Welt und erstellt anschließend auf dieser Grundlage Gefährdungs- und Risikokarten. In die hochaufgelösten Geländemodelle pflegen die JBA-Experten alle für den Hochwasserschutz relevanten Schutzbauwerke ein und lassen sie dann in nahezu jeder denkbaren Wetterkonstellation ablaufen. "Wir haben für jedes Land 10.000 Jahre an simulierten Flutereignissen, um abzuschätzen, was sich ereignen könnte", so Booth. Als Ergebnis erhält man eine statistisch belastbare Aussage zur Überschwemmungsgefährdung. Das 1995 gegründete Unternehmen beschränkt sich derzeit mit Ausnahme Großbritanniens noch bewußt auf Hochwasser im Binnenland. Für die britischen Inseln werden allerdings auch schon Küstenfluten simuliert, "entsprechende Rechnungen", so Booth, "werden wir in Zukunft auch anderswo anbieten".

Europakarte von JBA Risk. In Blau eingetragen sind die Gebiete, in denen schwere Hochwasser mit einer Wiederkehrzeit von 250 Jahren zu erwarten sind.

Europakarte von JBA Risk. In Blau eingetragen sind die Gebiete, in denen schwere Hochwasser mit einer Wiederkehrzeit von 250 Jahren zu erwarten sind.

Bild: JBA Risk
Das Rathaus der Stadt Carlisle in Cumbria am 5. Dezember 2015.

Das Rathaus der Stadt Carlisle in Cumbria am 5. Dezember 2015.

Bild: Geograph UK/Rose and Trev Clough/CC BY-SA 2.0
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Europakarte von JBA Risk. In Blau eingetragen sind die Gebiete, in denen schwere Hochwasser mit einer Wiederkehrzeit von 250 Jahren zu erwarten sind.

Bild: JBA Risk

Das Rathaus der Stadt Carlisle in Cumbria am 5. Dezember 2015.

Bild: Geograph UK/Rose and Trev Clough/CC BY-SA 2.0

Die Gefährdungskarten sind die zentrale Leistung, denn sie liegen hochaufgelöst vor, mit einer Gitternetzweite von 30 Meter. Auf ihnen bauen die Risikokarten auf, die die möglichen wirtschaftlichen Schäden darstellen. "Die Daten über die gefährdeten Werte beziehen wir aus amtlichen volkswirtschaftlichen Statistiken", so Booth. Für jedes simulierte Flutereignis haben die britischen Risikoanalysten die Schäden bis hinunter auf Postleitzahlbezirke kalkuliert. Mit ihnen können Versicherer abschätzen, für welche Risiken sie sich in den kommenden ein bis drei Jahren wappnen müssen. "Wir helfen Ihnen schlicht dabei, solvent zu bleiben", erklärt die Risikoanalystin lakonisch. 85 Prozent der britischen Versicherungsunternehmen greifen auf diese Hilfe zurück – die britische Regierung dagegen nicht, ebensowenig wie die überwältigende Zahl der Städte, Gemeinden, Grafschaften oder Regionen des Königreichs.

Länderübergreifende Analyse ist von Bedeutung

Für Versicherer und Rückversicherer ist vor allem die länderübergreifende Analyse interessant, die JBA Risk für Europa anbietet. "Wir haben aus unseren Simulationen gelernt, dass man nicht einzelne Länder isoliert betrachten kann", erklärt Naomi Booth. Das liegt in den Fällen ohnehin nahe, in denen sich verschiedene Staaten ein Flusssystem teilen, wie etwa die Anrainer von Rhein, Donau, Elbe oder Maas. Doch die länderübergreifenden Simulationen förderten weitere Verbindungen zu Tage, die selbst die JBA-Fachleute überraschten. So korrelieren zum Beispiel Flutereignisse in Polen und in Österreich erstaunlich hoch, auch zwischen Polen und Frankreich findet sich ein solcher statistischer Zusammenhang, obwohl dort die geographische Distanz gewaltig ist. Dagegen ist der Zusammenhang von Flutschäden in der Slowakei und in Ungarn wesentlich geringer als erwartet, obwohl beide Staaten am selben Strom, der Donau, liegen. Was die Fälle außer der statistischen Korrelation miteinander verbindet, ist nicht klar. "Wir würden liebend gern die physikalischen Ursachen erforschen, wir haben auch ein paar Ideen, aber für unseren Zweck, reicht der statistische Zusammenhang", so Booth.