17. Apr. 2020
Schmelzwassersee auf dem Eisschild im Westen Grönlands.

Schmelzwassersee auf dem Eisschild im Westen Grönlands.

Der grönländische Eisschild ist mit rund 2,85 Millionen Kubikkilometern nach der Ostantarktis die zweitgrößte Eismasse der Welt. Im vergangenen Jahr hat sie den bislang größten Aderlass hinnehmen müssen: Rund 600 Kubikkilometer Eis hatte Grönland am Jahresende weniger zu schultern gehabt. Damit war der Schwund stärker als jemals zuvor, seit die Glaziologen Massebilanzen aufstellen. Im EGU-Journal "The Cryosphere" sind die Details nachzulesen.

Im vergangenen Jahr ist das grönländische Inlandseis stärker geschrumpft als jemals in einem Jahr zuvor, seit die Polarforscher Massebilanzen für den zweitgrößten Eisschild der Erde aufstellen. Das berichten zwei Glaziologen von der Columbia University in New York und von der Universität Lüttich in "The Cryosphere", nachdem sie die Bilanz für das abgelaufene Jahr aus Satellitenbeobachtungen, Messungen und Modellrechnungen erstellt hatten. Danach hat Grönlands Inlandsgletscher per saldo 600 Milliarden Tonnen Eis verloren, 320 Milliarden mehr als der Durchschnitt einer 30-Jahres-Vergleichsperiode zwischen 1981 und 2010.

Bett eines Schmelzwassersees auf dem grönländischen Eisschild, der im Sommer 2011 auslief.

Bett eines Schmelzwassersees auf dem grönländischen Eisschild, der im Sommer 2011 auslief.

Bild: Nature/Ian Joughin
Grönland-Fjord voller Eisberge im Juni.

Grönland-Fjord voller Eisberge im Juni.

Bild: Nature/Paul Bierman
Sedimentbeladenes Schmelzwasser in Ostgrönland bei Kulusuk

Sedimentbeladenes Schmelzwasser in Ostgrönland bei Kulusuk

Bild: Nature/Paul Bierman
Gletschermühle auf dem grönländischen Eisschild.

Gletschermühle auf dem grönländischen Eisschild.

Bild: Nature/Ian Joughin
Rand des Grönland-Eisschildes kurz vor dem Kalben von Eisbergen im Osten bei Kulusuk.

Rand des Grönland-Eisschildes kurz vor dem Kalben von Eisbergen im Osten bei Kulusuk.

Bild: Nature/Paul Bierman
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Bett eines Schmelzwassersees auf dem grönländischen Eisschild, der im Sommer 2011 auslief.

Bild: Nature/Ian Joughin

Grönland-Fjord voller Eisberge im Juni.

Bild: Nature/Paul Bierman

Sedimentbeladenes Schmelzwasser in Ostgrönland bei Kulusuk

Bild: Nature/Paul Bierman

Gletschermühle auf dem grönländischen Eisschild.

Bild: Nature/Ian Joughin

Rand des Grönland-Eisschildes kurz vor dem Kalben von Eisbergen im Osten bei Kulusuk.

Bild: Nature/Paul Bierman

Der Negativrekord kam zustande, weil es seit Beginn der Berechnungen noch nie so wenig geschneit oder geregnet hat wie 2019 und dadurch der Zuwachs an Eis auf ein Minimum schrumpfte. Zusammen mit dem Schwund infolge von Schmelzwasser und abbrechenden Eisbergen führte das zu einem Rekordverlust, der den des bisherigen Rekordjahrs 2012 um rund zehn Millionen Tonnen übertraf. Als Ursache für die Anomalie nehmen die beiden Forscher eine ungewöhnlich stabile Hochdruckwetterlage über Grönland an, die zu einer langen Sonnenperiode über der Südhälfte der Insel und zu einer dichten Wolkendecke über dem Norden führte.

Die Wolken im Norden speicherten die vom Eis reflektierte Wärmestrahlung und ließen dort die Lufttemperaturen steigen, Schnee oder Regen brachten sie dagegen nicht. Die lange Schönwetterperiode über dem Süden ließ dort ebenso wenig an Niederschlag denken, brachte stattdessen aber soviel Eisoberfläche wie noch nie zuvor zum Schmelzen. Am 31. Juli etwa war laut der Satellitenmessungen 73 Prozent der gesamten Eisoberfläche von Schmelzwasser bedeckt, soviel wie noch nie an einem einzelnen Tag. "Diese Bedingungen in der Atmosphäre sind in den vergangenen Jahrzehnten häufiger und häufiger geworden, wir denken, dass sie mit einer Veränderung des Jetstreams zu tun haben", so Autor Marco Tedesco von der Columbia University.

Jetstream als Ursache

Der Jetstream ist ein wellenförmiges Strömungssystem im untersten Atmosphärenstockwerk, das die grundlegenden Wetterbedingungen auf der Nordhalbkugel bestimmt. Unter bestimmten Bedingungen verstärkt sich der Ausschlag der Wellen stark nach Norden und Süden und stabilisiert sich über Wochen hinweg. Meteorologen gehen davon aus, dass in Mitteleuropas Extremsommern 2003, 2018 und 2019 ein fixierter Jetstream die entscheidende Rolle spielte. Möglicherweise hat er auch entsprechende Konsequenzen für Grönland.

Was die Veränderung des Jetstreams auslöst, wird derzeit noch diskutiert. "Wir glauben, dass die schrumpfende Schneedecke in Sibirien und die ebenfalls zurückgehende Seeeisbedeckung im Arktischen Ozean und der vergleichsweise steile Temperaturanstieg in der gesamten Arktis eine Rolle spielen", so Tedesco.Die beiden Forscher warnen, dass die Mechanismen, die sie jetzt in Grönland analysiert haben, von den derzeitigen Klimamodellen nicht erfasst werden. "Sie könnten daher das zukünftige Schmelzen des Eisschildes um rund die Hälfte unterschätzen", so Tedesco.