07. Nov. 2019
Rekonstruktion der 28 Mio. Jahre alten Ratinger Seekuh und ihres Lebensraumes

Rekonstruktion der 28 Mio. Jahre alten Ratinger Seekuh und ihres Lebensraumes

Seekühe gehören zu den sympathischsten Meereslebewesen und gleichzeitig zu den bedrohtesten. Nur noch vier Arten zählt die Ordnung heutzutage und die Zahl der Individuen schwindet von Jahr zu Jahr. In früheren Erdzeitaltern waren die Seekühe weiterverbreitet, sogar bis in unsere Breiten. Ein aktueller Fund im rheinischen Ratingen beweist das erneut.

Vor 28 Millionen Jahren reichte die Nordsee bis nach Köln. Das Klima war warm und Europa glich mehr einem Archipel. Der Harz schwamm als Insel im Meer, Eifel und Bergisches Land ragten als Halbinsel nach Norden in eben diese Paläonordsee hinein. An ihrer Ostseite verband ein Meeresarm das Meer über Nordhessen und das heutige Rheintal mit dem Vorläufer des Mittelmeers. Auf der Westseite der "rheinischen Halbinsel" lag eine seichte Bucht, die von Haien, Rochen und 50 anderen Fischarten bevölkert war.

Die Entdecker Dr. Stephan Becker und Daniel Schrijver (GD NRW), Seekuh-Spezialist Priv.-Doz. Dr. Oliver Hampe (Museum für Naturkunde, Berlin) und Paläontologe Christoph Hartkopf-Fröder (GD NRW)

Die Entdecker Dr. Stephan Becker und Daniel Schrijver (GD NRW), Seekuh-Spezialist Priv.-Doz. Dr. Oliver Hampe (Museum für Naturkunde, Berlin) und Paläontologe Christoph Hartkopf-Fröder (GD NRW)

Bild: GD NRW
Die Baufirma hilft mit einem Bagger, in der Baugrube vorsichtig ein Planum für die spätere Freilegung und Bergung der Seekuh-Knochen anzulegen. Die Fundstelle ist weiß gestrichelt markiert.

Die Baufirma hilft mit einem Bagger, in der Baugrube vorsichtig ein Planum für die spätere Freilegung und Bergung der Seekuh-Knochen anzulegen. Die Fundstelle ist weiß gestrichelt markiert.

Bild: GD NRW
Die Verbreitung von Land und Meer zur Zeit des Oligozäns – vor 28 Mio. Jahren –, dargestellt auf der heutigen topographischen Grundlage. Der Lebensraum der Ratinger Seekuh war ein küstennahes Flachmeer. Das Festland befand sich östlich davon.

Die Verbreitung von Land und Meer zur Zeit des Oligozäns – vor 28 Mio. Jahren –, dargestellt auf der heutigen topographischen Grundlage. Der Lebensraum der Ratinger Seekuh war ein küstennahes Flachmeer. Das Festland befand sich östlich davon.

Bild: GD NRW
28 Mio. Jahre alte Rippe der Ratinger Seekuh

28 Mio. Jahre alte Rippe der Ratinger Seekuh

Bild: GD NRW
Paläogeographie Mitteleuropas im Oligozän.

Paläogeographie Mitteleuropas im Oligozän.

Bild: Wikimedia Commons/Gretarsson (CC BY-SA 4.0)
Das sandig-tonige Sediment, in dem die Seekuh-Knochen eingebettet sind, ist äußerst fossilreich. Mehr als 200 verschiedene Fossilarten zeugen von einem längst vergangenen marinen Ökosystem.

Das sandig-tonige Sediment, in dem die Seekuh-Knochen eingebettet sind, ist äußerst fossilreich. Mehr als 200 verschiedene Fossilarten zeugen von einem längst vergangenen marinen Ökosystem.

Bild: GD NRW
Auf dem fertig angelegten Planum werden die Knochen vorsichtig freipräpariert. Die Fundstelle wird nun eingemessen und die Lage der einzelnen Knochen dokumentiert.

Auf dem fertig angelegten Planum werden die Knochen vorsichtig freipräpariert. Die Fundstelle wird nun eingemessen und die Lage der einzelnen Knochen dokumentiert.

Bild: GD NRW
Seepocken haben die Knochen besiedelt. Ein Zeichen dafür, dass die Knochen vor ihrer Einbettung mehrere Monate oder länger unbedeckt auf dem Meeresboden lagen.

Seepocken haben die Knochen besiedelt. Ein Zeichen dafür, dass die Knochen vor ihrer Einbettung mehrere Monate oder länger unbedeckt auf dem Meeresboden lagen.

Bild: GD NRW
Präparation am Ruhr Museum in Essen: Die zuvor gewässerten Bruchstücke der Seekuh-Knochen werden mithilfe einer Zahnbürste vorsichtig vom umgebenden Sediment befreit.

Präparation am Ruhr Museum in Essen: Die zuvor gewässerten Bruchstücke der Seekuh-Knochen werden mithilfe einer Zahnbürste vorsichtig vom umgebenden Sediment befreit.

Bild: GD NRW
Präparation am Ruhr Museum in Essen: Die gesäuberten und getrockneten Knochen-Bruchstücke werden vorsichtig zusammengesetzt. Meist lassen sich komplette Rippen rekonstruieren.

Präparation am Ruhr Museum in Essen: Die gesäuberten und getrockneten Knochen-Bruchstücke werden vorsichtig zusammengesetzt. Meist lassen sich komplette Rippen rekonstruieren.

Bild: GD NRW
Nach Bergung der Seekuh-Knochen: Drohnen-Aufnahme der Baugrube durch das LVR-Amt für Bodendenkmalpflege im Rheinland. Die Stelle, an der die Knochen ursprünglich lagen, ist weiß gestrichelt markiert.

Nach Bergung der Seekuh-Knochen: Drohnen-Aufnahme der Baugrube durch das LVR-Amt für Bodendenkmalpflege im Rheinland. Die Stelle, an der die Knochen ursprünglich lagen, ist weiß gestrichelt markiert.

Bild: LVR Amt für Bodendenkmalpflege/Tanja Dujmovic
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Die Entdecker Dr. Stephan Becker und Daniel Schrijver (GD NRW), Seekuh-Spezialist Priv.-Doz. Dr. Oliver Hampe (Museum für Naturkunde, Berlin) und Paläontologe Christoph Hartkopf-Fröder (GD NRW)

Bild: GD NRW

Die Baufirma hilft mit einem Bagger, in der Baugrube vorsichtig ein Planum für die spätere Freilegung und Bergung der Seekuh-Knochen anzulegen. Die Fundstelle ist weiß gestrichelt markiert.

Bild: GD NRW

Die Verbreitung von Land und Meer zur Zeit des Oligozäns – vor 28 Mio. Jahren –, dargestellt auf der heutigen topographischen Grundlage. Der Lebensraum der Ratinger Seekuh war ein küstennahes Flachmeer. Das Festland befand sich östlich davon.

Bild: GD NRW

28 Mio. Jahre alte Rippe der Ratinger Seekuh

Bild: GD NRW

Paläogeographie Mitteleuropas im Oligozän.

Bild: Wikimedia Commons/Gretarsson

Das sandig-tonige Sediment, in dem die Seekuh-Knochen eingebettet sind, ist äußerst fossilreich. Mehr als 200 verschiedene Fossilarten zeugen von einem längst vergangenen marinen Ökosystem.

Bild: GD NRW

Auf dem fertig angelegten Planum werden die Knochen vorsichtig freipräpariert. Die Fundstelle wird nun eingemessen und die Lage der einzelnen Knochen dokumentiert.

Bild: GD NRW

Seepocken haben die Knochen besiedelt. Ein Zeichen dafür, dass die Knochen vor ihrer Einbettung mehrere Monate oder länger unbedeckt auf dem Meeresboden lagen.

Bild: GD NRW

Präparation am Ruhr Museum in Essen: Die zuvor gewässerten Bruchstücke der Seekuh-Knochen werden mithilfe einer Zahnbürste vorsichtig vom umgebenden Sediment befreit.

Bild: GD NRW

Präparation am Ruhr Museum in Essen: Die gesäuberten und getrockneten Knochen-Bruchstücke werden vorsichtig zusammengesetzt. Meist lassen sich komplette Rippen rekonstruieren.

Bild: GD NRW

Nach Bergung der Seekuh-Knochen: Drohnen-Aufnahme der Baugrube durch das LVR-Amt für Bodendenkmalpflege im Rheinland. Die Stelle, an der die Knochen ursprünglich lagen, ist weiß gestrichelt markiert.

Bild: LVR Amt für Bodendenkmalpflege/Tanja Dujmovic

Offenbar gab es auch Flachwasserkorallen, denn auf einigen Schneckenhäusern hatten sich erste Kolonien ihre Äste gebaut. Unter den Bewohnern waren auch Seekühe, denn etliche von deren Knochen sind jetzt im Osten von Ratingen gefunden worden. "Die zahlreichen Fossilien dokumentieren ein artenreiches Ökosystem", so der Paläontologe Christoph Hartkopf-Fröder vom Geologischen Dienst NRW bei der Vorstellung der Seekuh-Fossilien am Sitz der Behörde in Krefeld.

Vorbildliche Zusammenarbeit

Was damals ein warmer Strand in einem subtropischen Meer war, ist heute eine Baugrube im sogenannten Schwarzbach-Quartier, einem Büro-Areal, das derzeit auf einem ehemaligen Fabrikgelände errichtet wird. "Die Bergung der Seekuh-Reste von Ratingen ist ein Beispiel für die effektive Zusammenarbeit von Paläontologen, Archäologen, der Baufirma und dem Quartierentwickler, die vorbildlich Hand in Hand gearbeitet haben", freute sich Erich Claßen, der Leiter des Amtes für Bodendenkmalpflege im Rheinland. Anfang des Jahres hatten Stephan Becker und Daniel Schrijver vom Geologischen Dienst die Knochen bei einer Routine-Untersuchung in der Baugrube entdeckt und das zuständige Amt Bodendenkmalpflege informiert. Binnen weniger Tage transportierten Baufirma und Quartierentwickler drei Tonnen Material zum Geologischen Dienst nach Krefeld, wo die aufwendige Suche nach weiteren Fossilien begann, während man sich in Ratingen wieder dem Bauen widmen konnte.

Rippen und Wirbelfragmente sowie etliche kleinere Knochen der Seekuh konnten die Paläontologen finden, aussagekräftigere Teile des Skeletts, etwa den Schädel allerdings nicht. "Die Knochen waren bereits kurz nach dem Tod der Seekuh weit verteilt worden", so Hartkopf-Fröder. Der Kadaver war offenbar schnell von Haien und anderen Räubern entdeckt und zerlegt worden. Die einzelnen Knochen hatten dann noch etliche Wochen oder sogar Monate auf dem Meeresgrund gelegen, denn es hatten sich bereits Seepocken, festsitzende Krebstiere, auf ihnen angesiedelt. Ob sich der Kopf vielleicht doch noch im Untergrund von Ratingen befindet, kann nicht mehr festgestellt werden, denn inzwischen ist in der Baugrube das Gebäudefundament gegossen worden. "Für uns ist die Fundstelle erledigt", so Hartkopf-Fröder.

Genaue Artbestimmung wird schwierig

"Wegen der wenig diagnostischen Knochen können wir nicht genau bestimmen, zu welcher Art die Seekuh gehört", erklärte Oliver Hampe, Experte für fossile Meeressäuger am Berliner Museum für Naturkunde, auf der Vorstellung. Diagnostisch sind Knochen dann, wenn sie der Artbestimmung dienen. Im Fall einer Seekuh wären das Schädelknochen, vor allem Zähne und alles, was zeigt, ob der Schwanz gegabelt oder rund war. Die noch heute lebenden Arten unterscheiden sich am auffälligsten durch ihren Schwanz, der bei den im Indischen Ozean vorkommenden Dugongs gegabelt ist, bei den anderen Seekuharten aber rund.

Außer in Ratingen hat man auch noch an einer Handvoll weiterer Stellen in Deutschland fossile Seekuhüberreste gefunden, etwa die der ausgestorbenen Art Kaupitherum gruelli in Duisburg oder in der Umgebung von Mainz. "Allerdings lebten hier zwei verschiedene Arten nebeneinander, sodass es etwas schwierig ist, den Ratinger Fund eindeutig zuzuordnen", so Hampe.