21. Dez. 2017

Die bekannteste Ausgrabungsstätte der Induszivilisation ist Harappa.

Flüsse stehen am Beginn der menschlichen Zivilisation. Am Nil, an Euphrat und Tigris und schließlich am Indus entstanden vor knapp 5000 Jahren die ersten Hochkulturen, das Flusswasser nutzten sie zur Bewässerung ihrer ausgedehnten Felder. Offenbar gilt diese Annahme der Historiker nicht überall. Im östlichen Verbreitungsgebiet der Induszivilisation könnte stattdessen gerade der Rückzug eines Flusses zur Ansiedlung von Menschen der Bronzezeit geführt haben. So argumentiert ein Bericht in "Nature Communications".

Städte der frühen Hochkulturen waren offenbar nicht unbedingt auf große Ströme angewiesen. "Unter den richtigen Umständen können auch ausgetrocknete Flusstäler gereicht haben", sagt Rajiv Sinha, Professor am Indischen Institut für Technologie in Kanpur. Die "richtigen Umstände" glauben Sinha und seine Kollegen vom IITK und vom Imperial College in London im indisch-pakistanischen Rajasthan gefunden zu haben. Im östlichen Verbreitungsgebiet der Indus-Kultur soll auch ein nur zeitweise von Monsunregen gespeister Fluss ausgereicht haben, um die frühesten Städte der Welt zu ernähren.

Im heute ausgesprochen trockenen Rajasthan verläuft inmitten der Wüsten Thar und Cholistan ein gewaltiges Flussbett, das vermutlich einst der Sutlej gegraben hat, bevor er abrupt seinen Lauf nach Nordwesten veränderte. Heute fließt in dem Bett ein ausschließlich von Monsunregen gespeister Fluss, der in Indien Ghaggar und Pakistan Hakra genannt wird und während der Trockenzeit nahezu komplett austrocknet. Am Mittellauf des Ghaggar-Hakra haben Archäologen zahlreiche Städte der bronzezeitlichen Indus-Kultur gefunden, die ungefähr gleich alt wie die Hochkulturen in Ägypten und Mesopotamien ist. Diese Städte sind zwar nicht so groß wie die Zentren Harappa und Mohenjo Daro, die direkt am Indus liegen, doch sie zeigen auch deren charakteristische Teilung in eine Zitadelle und eine Unterstadt und das schachbrettartige Straßennetz.

Bislang gingen Historiker und Archäologen davon aus, dass die Siedlungen in Rajasthan auf den Sutlej als Wasserquelle angewiesen waren, wie ihre Schwesterstädte weiter westlich auf den Indus. "Wir wollten diese Hypothese von der Abhängigkeit der frühen Hochkulturen von großen Strömen testen", berichtete Sanjeev Gupta, Geologieprofessor am Londoner Imperial College. Dafür werteten die Wissenschaftler zunächst die verfügbaren Satellitendaten über das Ghaggar-Harka-Tal aus, um das frühere Flusstal genau zu bestimmen. Schon dabei stellte sich heraus, dass einige der bronzezeitlichen Städte gefährlich nahe am damaligen Fluss oder manchmal direkt darin angelegt worden waren. Die Erklärung lieferte schließlich eine Reihe von Bohrungen, die die Forscher im indischen Teil des Tales ins ehemalige Flussbett abteuften.

Karte der nordwestlichen indischen Halbinsel mit den fünf Flüssen des Punjab und den Fundstätten der Induszivilisation.
Bild: Nature Communications/Sanjeev Gupta et al.
Die Ausgrabungsstätte bei Kalibangan.
Bild: Nature Communications/Sanjeev Gupta et al.
Der alte Verlauf des Sutlej und die Ausgrabungsstätten der Induszivilisation.
Bild: Nature Communications/Sanjeev Gupta et al.

In den bis zu 40 Meter dicken Sedimenten konnten sie die Geschichte des Flusses nachvollziehen. Die Bohrkerne enthielten eine Abfolge, die von Flugsand über grobe und feine Flusssande zu den fein abgestuften Sedimenten einer Überflutungsebene reichte. Den Abschluss machten wiederum die Flugsande der heutigen Wüsten. Zur Altersbestimmung benutzten die Forscher die Optisch Stimulierte Lumineszenz. Mit dieser Methode bestimmt man in Quarzkörnern, wann sie zum letzten Mal belichtet wurden. Danach reichten die Bohrkerne gut 150.000 Jahre in die Vergangenheit zurück. Die Sequenz zeigte, dass der Sutlej bereits vor 8000 Jahren seinen Lauf verlegt hatte, rund 3000 Jahre vor Beginn der Indus-Zivilisation, und damit als Wasserquelle ausschied.

Das Tal, das der Fluss gegraben hatte, diente in der Folgezeit allerdings als Sammelbecken für die bisweilen höchst ergiebigen Monsunregenfälle, die es dort im Herbst und Winter gibt. Überdies hat der Sutlej in den Jahrtausenden seiner Tätigkeit große Mengen Sediments aus dem Himalaja herangeschafft und in seinem Tal abgelagert. Erst diese höchst fruchtbare Erde machte aus das Ghaggar-Hakra-Tal ein Zentrum der bronzezeitlichen Landwirtschaft. Die Menschen der Indus-Zivilisation mussten nur dafür sorgen, dass das Regenwasser auch über das Ende der Monsunzeit erhalten blieb, und das taten sie, wie die heutigen Bewohner der Region auch: mit Staubecken und Bewässerungskanälen.

"Tatsächlich ist es im Gegensatz zur herrschenden Meinung nicht die Anwesenheit des Stromes sondern gerade seine Abwesenheit, die die menschliche Besiedlung fördert", betont Sanjeev Gupta. Der Sutlej und seine Nebenflüsse entspringen wie alle Ströme des Punjab im Himalaja und sind daher stark von der dortigen Schneeschmelze geprägt. In den Bohrkernen konnten Gupta und seine Kollegen das gut erkennen, weil die Sedimente typisch für die reissende Strömung von Gebirgsflüssen sind. Die starken und vor allem reißenden Hochwässer in Frühjahr und Sommer hätten die damalige Zivilisation regelmäßig in eine Existenzkrise geführt. Als der Sutlej seinen Verlauf änderte und nur noch die im Vergleich harmloseren Monsununwetter für Wasser sorgten, konnten die bronzezeitlichen Menschen ins fruchtbare Flusstal ziehen.