13. Apr. 2018
Front des Thwaitesgletschers im Amundsen-Sektor der Westantarktis.

Front des Thwaitesgletschers im Amundsen-Sektor der Westantarktis.

Der Meeresspiegelanstieg ist eine Bedrohung für den Lebensraum von vielen Millionen Menschen. Bis zum Ende dieses Jahrhunderts könnte der Wasserstand um einen Meter steigen, vielleicht sogar um mehr als das. Nur mit gewaltigen Investitionen wird man die Siedlungsgebiete in den Küstenzonen davor schützen können. Eine Gruppe von Wissenschaftlern schlägt daher vor, der Menschheit mehr Zeit zu verschaffen und Gletscher in Arktis und Antarktis durch untermeerische Schwellen zu verlangsamen. Ihre verwegene Idee stellten sie auch auf der EGU-Jahrestagung vor, die in dieser Woche in Wien stattfand.

Grönlands drittgrößte Stadt Ilulissat kann mit einem seltenen Panorama aufwarten. Permanent treiben Eisberge durch den nur sieben Kilometer breiten Fjord an der 4500-Einwohner-Siedlung vorbei in die Disko-Bucht und von dort in den Nordatlantik. Es ist die dichteste Parade der Eisriesen auf der Nordhalbkugel. Das Schauspiel, das dem Fjord sogar den Status einer Weltnaturerbe-Stätte eintrug, hat jedoch einen ernsten Hintergrund. Der Jakobshavn Isbrae, der in den Fjord mündet, ist der am häufigsten kalbende Gletscher der gesamten Nordhemisphäre. Bis zu 35 Milliarden Tonnen Eis brechen jedes Jahr von der Gletscherfront und treiben auf Nimmerwiedersehen ins Meer. Jakobshavn Isbrae ist der am schnellsten fließende Eisstrom in Grönland. In der jüngsten Zeit hat sich seine Fließgeschwindigkeit mehr als verdoppelt, eine beunruhigende Entwicklung, denn sein Einzugsgebiet umfasst rund 6,5 Prozent des grönländischen Inlandeises. Im gesamten 20. Jahrhundert gingen rund vier Prozent des Meeresspiegelanstiegs auf sein Konto.

„Das Schöne an diesem Gletscher ist, dass der Fjord nur fünf Kilometer breit ist, wir könnten also an ihm unsere Geoengineering-Idee erproben“, meint der Glaziologe John Moore, Professor an der Beijing Normal University und Kopf des chinesischen Geoengineering-Programms. Moore und eine kleine Gruppe von Wissenschaftlern aus Europa und den USA haben eine verwegene Idee, die sie vor kurzem im renommierten Fachjournal „Nature“ und jetzt auf der Jahrestagung der Europäischen Geowissenschaftlichen Union EGU in Wien vorstellten. Sie wollen die am schnellsten fließenden Gletscher der beiden Polkappen verlangsamen. „Das würde den Meeresspiegelanstieg an der Quelle bekämpfen, anstatt immer höhere Deiche an den Küsten zu bauen“, so Moore.

Barrieren für Antarktis-Eisströme

Dafür allerdings müsste nicht nur ein vergleichsweise „kleiner Fisch“ wie der Jakobshavn-Gletscher angegangen werden, sondern die wirklich gewaltigen Eisströme am anderen Pol. Und tatsächlich peilen die Forscher um Moore den Pine-Island- und den Thwaites-Gletscher im pazifischen Sektor der Antarktis als eigentliches Ziel ihres Eingriffes an, zwei Giganten, die einen beträchtlichen Teil des westantarktischen Eisschildes mobilisieren könnten. „Wir schätzen sie als besonders wichtig für den derzeitigen und auch den zukünftigen Meeresspiegelanstieg ein und insofern sind sie gut gewählt“, meint deshalb Jonathan Bamber zu John Moores Geoengineering-Idee. Der Glaziologe von der Universität Bristol amtiert derzeit als EGU-Präsident und steht in keiner Verbindung zur Gruppe um John Moore.

Blick auf die zerklüftete Oberfläche des Thwaites-Gletscher im Amundsensektor der Westantarktis.

Blick auf die zerklüftete Oberfläche des Thwaites-Gletscher im Amundsensektor der Westantarktis.

Bild: NASA, CC0
Fließgeschwindigkeit von Pine-Island- und Thwaites-Gletscher in der Westantarktis, kompiliert aus Daten des ESA-Satelliten Sentinel-1.

Fließgeschwindigkeit von Pine-Island- und Thwaites-Gletscher in der Westantarktis, kompiliert aus Daten des ESA-Satelliten Sentinel-1.

Bild: ESA, CC BY SA 3.0
Ilulissat auf Grönland mit dem Jakobshavn-Gletscher im Hintergrund.

Ilulissat auf Grönland mit dem Jakobshavn-Gletscher im Hintergrund.

Bild: Pcb21, CC BY SA 3.0
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Blick auf die zerklüftete Oberfläche des Thwaites-Gletscher im Amundsensektor der Westantarktis.

Bild: NASA, CC0

Fließgeschwindigkeit von Pine-Island- und Thwaites-Gletscher in der Westantarktis, kompiliert aus Daten des ESA-Satelliten Sentinel-1.

Bild: ESA, CC BY SA 3.0

Ilulissat auf Grönland mit dem Jakobshavn-Gletscher im Hintergrund.

Bild: Pcb21, CC BY SA 3.0

Moore und seine Kollegen denken an künstliche Erhebungen, vielleicht sogar ganze Dämme, die man an Stellen mit günstiger Topographie aufschüttet, um das schwimmende Eisschelf abzubremsen, das die Gletscher zum Meer hin abschließt. „Wir wissen von vielen Gletschern und ihren vorgelagerten Eisschelfen, dass solche isolierten Ankerpunkte extrem effektiv in der Stabilisierung sind“, so Moore. Bei den beiden antarktischen Gletschern kommt noch ein weiterer Effekt hinzu. Die Erhebungen oder Dämme sollen bei ihnen das anströmende vergleichsweise warme Wasser aus dem Südozean ablenken. Da es sehr salzreich ist, ist es schwerer als das kalte Wasser an der Oberfläche und dringt als warme Zunge unter das Schelfeis. Die Gletscher der Westantarktis sind dadurch besonders verwundbar, weil ihre Basis unterhalb des Meeresspiegels liegt. Hat sich das Ozeanwasser einmal einen Weg unter das Eis gebahnt, schmilzt dieses mit hoher Geschwindigkeit. An den Eisschelfen kann man das schon jetzt in beeindruckender Weise sehen. Sie werden dünner und brüchiger, in vielen Fällen sind sie bereits auf dem Rückzug. „Sobald man diesen warmen Wasserstrom ablenkt, stoßen sie jedoch wieder vor“, referiert Moore die Ergebnisse von Computersimulationen, die die Gruppe durchgeführt hat.

Skeptische Resonanz

Die Resonanz unter seinen Fachkollegen ist skeptisch, wenn auch nicht völlig ablehnend. „Ich mag die Vorstellung, dass wir wirklich alle Optionen auf den Tisch legen und durchdenken“, sagt etwa Jonathan Bamber, „allerdings bin ich nicht so begeistert von diesem Ansatz. Er erscheint mir nicht plausibel und mit zu vielen Risiken verknüpft.“ So könne man etwa den grönländischen Eisschild, der zurzeit den größten Beitrag zum Meeresspiegelanstieg von allen Eisschilden leiste, auf eine solche Weise nicht kontrollieren. „Es gibt buchstäblich Hunderte von Gletschern in Grönland.“ Überdies sei es hauptsächlich Schmelzwasser und nicht Eis, was vom grönländischen Schild ins Meer gelange, „und dieses Problem“, so Bamber, „haben sie mit den Dämmen nicht gelöst“.

Adam Booth, Glaziologe an der Universität Leeds, beschäftigen die Dimensionen des Projektes: „Sie müssen überwältigend sein.“ Schließlich hat allein der Thwaites-Gletscher eine Front von gut 100 Kilometern Breite. Und tatsächlich rechnen Moore und seine Mitstreiter mit einem Vorhaben, das nur als internationale Kraftanstrengung vorstellbar ist. Bereits für den „Praxistest“ am Jakobshavn-Gletscher müsste, so die groben Kalkulationen, rund das Dreifache an Baumaterial bewegt werden wie am Drei-Schluchten-Damm in China. Eine Barriere vor den beiden Antarktisgletschern wäre wohl selbst in ihrer kleinsten Version das größte Infrastrukturvorhaben der Menschheitsgeschichte. „Was aber ist, wenn diese Hindernisse nach einiger Zeit versagen“, fragt sich Jonathan Bamber und liefert die Antwort gleich mit: „Dann haben wir nicht nur gar nichts erreicht, sondern viel Zeit und Energie für die Abwendung einer unaufhaltsamen Katastrophe vergeudet.“

Warnung vor den Nebenwirkungen

Wichtiger aber ist den beiden britischen Glaziologen das Thema „Nebenwirkungen“. „Das ist so wie in der Medizin“, erläutert Bamber „wenn man einem kranken Patienten ein hochwirksames Medikament verschreibt, will man sichergehen, dass es ihm auf lange Sicht nützt und nicht schadet.“ Die Gefahr, dass ein solcher Eingriff an anderer Stelle gravierenden Schaden anrichte, sei hoch. „Das warme Wasser, das umgeleitet wird, muss ja irgendwohin fließen, was passiert dann dort?“, fragt etwa Adam Booth. Dass noch lange Jahre, vielleicht sogar Jahrzehnte harter Forschung vergehen werden, bevor auch nur an eine konkretere Planung der Gletscherbarrieren gedacht werden kann, ist auch John Moore bewußt. „Wir reden ja nicht davon, jetzt sofort mit der Realisierung zu beginnen“ betont Moore, „wir denken eher an die zweite Jahrhunderthälfte.“ Zumal nicht nur der wissenschaftliche Sinn und die technische Realisierbarkeit geklärt werden muss. Für ein solches Projekt müsste auch die Zustimmung der Weltöffentlichkeit gewonnen werden. Auch in dieser Hinsicht wäre der Grönland-Gletscher der einfachere Fall, denn die Entscheidung träfen die Grönländer allein. Die Manipulation der Antarktis-Gletscher wäre dagegen ein Fall für die Weltgemeinschaft, denn der Südkontinent wird von allen Staaten gemeinsam verwaltet.

Aus Sicht von John Moore und seinen Kollegen wäre es dennoch unverantwortlich, nicht auch solche verwegenen Ideen zu verfolgen. „Allein in der südchinesischen Metropole Kanton wären bei einem Meeresspiegelanstieg von einem Meter mehr als eine Million Menschen unmittelbar betroffen“, betont der Geowissenschaftler. Manche Simulationen sehen sogar noch weit höhere Wasserstände voraus, falls sich die Menschheit nicht zu einer Drosselung ihres Treibhausgasausstoßes aufraffen kann. Dass in diesem Fall auch Dämme nicht mehr helfen, ist für John Moore sonnenklar. „Es ist keine dauerhafte Lösung, sie verschafft uns nur Zeit, unser Grundproblem mit den Treibhausgasen in den Griff zu bekommen.“