14. Feb. 2019
Der Stromboli von See aus gesehen.

Der Stromboli von See aus gesehen.

Der Stromboli ist von den großen italienischen Vulkanen der unbekannteste, allerdings auch der aktivste. Seit 1934 ist der Vulkan nicht zur Ruhe gekommen, auch wenn es nur selten zu größeren Ausbrüchen kam. Dass der Inselvulkan durchaus heftiger sein kann, zeigen italienische Forscher in den aktuellen "Scientific Reports" von "Nature". Dort berichten sie von insgesamt drei bislang unbekannten Tsunamis aus dem 14. und 15. Jahrhundert, die bis ins 200 Kilometer entfernte Neapel gedrungen seien. Die Wissenschaftler fordern eine Neueinschätzung des Risikos, das vom Stromboli für das Tyrrhenische Meer ausgeht.

"Es wäre eine zu lange Erzählung, um all die Schrecken jener höllischen Nacht aufzuzählen. Ohnehin überstiege die Wahrheit alles, was man mit Worten ausdrücken kann, so dass ich fürchte, dass meine Worte leer erscheinen." So leitete der italienische Dichter Francesco Petrarca in einem Brief vom 26. November 1343 seine Schilderung eines Tsunamis im Hafen von Neapel ein. Petrarca war als Botschafter des Papstes nach Neapel gereist und erlebte dort "das wohl furchtbarste Ereignis, das ich je mitgemacht habe". Italienische Vulkanologen und Archäologen verknüpfen jetzt in "Scientific Reports" Petrarcas Bericht mit Tsunamibefunden auf der Vulkaninsel Stromboli.

Historische Abbildung des Tsunamis in Neapel.

Historische Abbildung des Tsunamis in Neapel.

Bild: Wikipedia/Milanopiù/CC0
Die Sciara del fuoco des Stromboli kommt für die Flankenrutschungen des Vulkans infrage.

Die Sciara del fuoco des Stromboli kommt für die Flankenrutschungen des Vulkans infrage.

Bild: Wikimedia/Tim Bekaert/CC0
Stromboli, der Hauptort der gleichnamigen Insel.

Stromboli, der Hauptort der gleichnamigen Insel.

Bild: Wikimedia/Petr Vykoukai/CC BY-SA 3.0
Blick vom Stromboli auf das Tyrrhenische Meer.

Blick vom Stromboli auf das Tyrrhenische Meer.

Bild: Wikimedia/Bruno W. Caprile/GFDL 1.3
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Historische Abbildung des Tsunamis in Neapel.

Bild: Wikipedia/Milanopiù/CC0

Die Sciara del fuoco des Stromboli kommt für die Flankenrutschungen des Vulkans infrage.

Bild: Wikimedia/Tim Bekaert/CC0

Stromboli, der Hauptort der gleichnamigen Insel.

Bild: Wikimedia/Petr Vykoukai/CC BY-SA 3.0

Blick vom Stromboli auf das Tyrrhenische Meer.

Bild: Wikimedia/Bruno W. Caprile/GFDL 1.3

"Wir haben drei Schichten gefunden, die von Tsunamis verursacht wurden, und dazu zwei Vulkanaschelagen und konnten diese auf ein Zeitintervall zwischen 1300 und circa 1450 datieren", berichtet Mauro Rosi, Vulkanologie-Professor an der Universität Pisa. Sie würden zu Petrarcas Brief und zwei weiteren literarischen Zeugnissen aus den Jahren 1392 und 1456 passen. Dass der Inselvulkan vor der Westküste Kalabriens in den vergangenen 1000 Jahren drei solcher Flutwellen erzeugte, war bislang nicht bekannt.

Schwere Verwüstungen in Neapel

Die erste Tsunami-Lage an der Nordküste Strombolis ist die dickste, wurde daher von der stärksten der drei Flutwellen verursacht. Das passt gut zu der dramatischen Schilderung Petrarcas an Kardinal Giovanni Colonna: "Welche Wassermassen? Welche Winde? Welche Geräusche? Welch schreckliches Dröhnen des Himmels? Welch furchtbares Erdbeben? Welch erschreckender Lärm des Meeres", schreibt der Dichterfürst am Tag nach dem Ereignis. Die Stadt habe sich bereits den Tag zuvor in höchster Aufregung befunden, weil ihr ein schweres Erdbeben vorhergesagt worden sei. Überall hätten die Menschen Bußprozessionen und Bittgottesdienste abgehalten, selbst die Königin habe barfüßig die Gottesmutter um Gnade angefleht.

Dann habe sich abends über all die Gebete ein noch lauterer Lärm am Hafen erhoben. Petrarca bestieg schließlich ein Pferd und ritt von seinem Quartier im Konvent von San Lorenzo Maggiore hinab ins Hafenviertel. Dort sah der Dichter "das Meer bedeckt von unzähligen Unglücklichen, die mit aller Kraft versuchten wieder an Land zu gelangen, nachdem die Gewalt des Meeres sie mit ungeheurer Wut ins Hafenbecken gezogen hatte." Daneben trieben viele Tote und Sterbende auf der Wasseroberfläche, Ertrinkende und solche mit schwersten Verletzungen an Kopf, Körper und Gliedmaßen. Das vorhergesagte Erdbeben war ausgeblieben, dafür hatte ein Tsunami den Hafen getroffen und schwerste Verwüstungen angerichtet.

Tsunamipotential des Stromboli muss neu abgeschätzt werden

"Zum selben Zeitpunkt wurde der Hafen von Amalfi, südlich von Neapel, völlig zerstört", berichtet der Vulkanologe Mauro Rosi, "und diese Tatsache passt in meinen Augen gut zu einem Tsunami, der von Stromboli ausgelöst wurde." Der Hafen der alten Handelsmetropole Amalfi ist nach Süden, wo Stromboli liegt, ausgerichtet. "Als nächstes müssten wir jetzt Modellrechnungen anstellen, ob die Nordwestflanke des Stromboli ausreicht, um derart weit laufende Tsunamis auszulösen", sagt Mauro Rosi. Amalfi und Neapel sind schließlich 200 Kilometer von Stromboli entfernt.

Auf der Insel selbst jedenfalls wurde durch die Ereignisse in Zusammenhang mit dem ersten Tsunami offenbar die mittelalterliche Bevölkerung zum Abzug gezwungen. Ein Archäologenteam um Sara Levi von der Universität Modena hatte auf dem Gebiet des heutigen Dorfes Stromboli eine Kirche aus dem 12. Jahrhundert gefunden, die Mitte des 14. Jahrhunderts, also zu der Zeit, zu der Petrarca den Tsunami in Neapel schilderte, zerstört wurde. "Auf der Insel hat sich eine sehr kleine Gemeinschaft von Mönchen angesiedelt", erläutert die Wissenschaftlerin, die eigentlich nur mit bronzezeitlichen Siedlungsspuren gerechnet hatte. Die zerstörte Kirche wurde nicht wieder aufgebaut, drei Tote wurden in hastig ausgehobenen Gräbern bestattet. Eines davon wurde sogar in den Kirchenboden selbst gegraben.

Ende für die mittelalterliche Besiedlung Strombolis

Die Flutwelle selbst hat die Kirche nicht verwüstet, denn sie konnte den Standort nicht erreichen. Allerdings sind die Überreste des Gebäudes von der gleichen Aschelage bedeckt, die über der Tsunamiablagerung an der Küste liegt. Daher liegt die Vermutung nahe, dass ein Ausbruch des Stromboli oder ein gewaltiger Flankenkollaps die Ursache der Zerstörung war. "Danach gibt es auf der Insel keine Spuren einer dauerhaften Besiedlung mehr, bis sich im 18. Jahrhundert Menschen aus Lipari ansiedeln", so Levi.

Abgesehen vom überraschenden Fund einer mittelalterlichen Siedlung auf Stromboli und der interessanten Kombination aus Geowissenschaften, Archäologie und Literatur, hat die Arbeit von Mauro Rosi und Sara Levi aber auch Konsequenzen für die Risikoabschätzung im Tyrrhenischen Meer. "Der Stromboli muss offenbar eine viel größere Rolle in der Gefährdungsabschätzung spielen als bislang gedacht", so Rosi. Bislang habe man die Wiederkehrperiode eines Flankenkollaps auf ein paar Tausend Jahre geschätzt. Die drei Tsunamis innerhalb von nur 150 Jahren, die sich dazu noch in so weiter Entfernung wie Neapel auswirkten, habe diese Einschätzung widerlegt. "Unsere Ergebnisse müssen in die Risikoprävention einfließen", erwartet der Pisaner Vulkanologe.