29. Aug. 2019
Blick auf die Überreste von Gordion, der alten Hauptstadt des Phrygischen Großreiches, im Nordwesten Kleinasiens.

Blick auf die Überreste von Gordion, der alten Hauptstadt des Phrygischen Großreiches, im Nordwesten Kleinasiens.

Der Mensch ist nicht erst seit der industriellen Revolution ein globaler Umweltfaktor. Zu diesem Ergebnis kommt eine Umfrage unter Archäologen, die erstmals die gesamte bewohnte Landoberfläche abdeckt. In "Science" berichtet das Projekt ArchaeoGLOBE jetzt, dass seit 3000 Jahren der Einfluss des Menschen global spürbar ist.

Die Menschheit ist bereits seit buchstäblich grauer Vorzeit ein erheblicher Faktor im Erdsystem. Dazu machte den homo sapiens nicht die Erfindung der Dampfmaschine, sondern die der Landwirtschaft. "Wir können durch unsere Datenzusammenstellung erkennen, dass die menschliche Landnutzung spätestens vor 3000 Jahren einen globalen Umwelteinfluss ausübte", betont Gary Feinman, Anthropologie-Kurator am Chicagoer Field Museum für Naturkunde, und einer von 250 Autoren des ArchaeoGLOBE-Projektes. Diese Kollaboration aus ArchäologInnen, Umwelt- und SozialwissenschaftlerInnen stellt in der aktuellen "Science" das Ergebnis einer Expertenumfrage zum Beginn der Landwirtschaft vor.

Die Kopais in Böotien gehört zu den am längsten bewirtschafteten Gebieten Griechenlands.

Die Kopais in Böotien gehört zu den am längsten bewirtschafteten Gebieten Griechenlands.

Bild: Science/Lucas Stephens
Der Hadrianswall markiert den Höhepunkt der römischen Herrschaft über die britischen Inseln. Sie brachte auch eine weit reichende Rodung der Wälder mit sich.

Der Hadrianswall markiert den Höhepunkt der römischen Herrschaft über die britischen Inseln. Sie brachte auch eine weit reichende Rodung der Wälder mit sich.

Bild: Science/Lucas Stephens
Blick auf die Ausgrabung La Costa 2 im Tafi-Tal, Nordwest-Argentinien, wo sich vor 2500 Jahren eine agropastorale Kultur entwickelte.

Blick auf die Ausgrabung La Costa 2 im Tafi-Tal, Nordwest-Argentinien, wo sich vor 2500 Jahren eine agropastorale Kultur entwickelte.

Bild: Science/Maria Marta Sampietro Vattuone
Vieh im Grasland von Bovu Dambo, Sambia.

Vieh im Grasland von Bovu Dambo, Sambia.

Bild: Science/Andrea Kay
Nächtliches Buschfeuer in Kabwe, Sambia.

Nächtliches Buschfeuer in Kabwe, Sambia.

Bild: Science/Andrea Kay
Reisterrassen in Ubud, Bali.

Reisterrassen in Ubud, Bali.

Bild: Science/Andrea Kay
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Die Kopais in Böotien gehört zu den am längsten bewirtschafteten Gebieten Griechenlands.

Bild: Science/Lucas Stephens

Der Hadrianswall markiert den Höhepunkt der römischen Herrschaft über die britischen Inseln. Sie brachte auch eine weit reichende Rodung der Wälder mit sich.

Bild: Science/Lucas Stephens

Blick auf die Ausgrabung La Costa 2 im Tafi-Tal, Nordwest-Argentinien, wo sich vor 2500 Jahren eine agropastorale Kultur entwickelte.

Bild: Science/Maria Marta Sampietro Vattuone

Vieh im Grasland von Bovu Dambo, Sambia.

Bild: Science/Andrea Kay

Nächtliches Buschfeuer in Kabwe, Sambia.

Bild: Science/Andrea Kay

Reisterrassen in Ubud, Bali.

Bild: Science/Andrea Kay

Als einer der zentralen Entwicklungsschritte der Menschheit ist der Beginn von Viehzucht und Ackerbau natürlich ein intensiv und bereits lange erforschtes Feld. Doch die Studie unter Leitung von Lucas Stephens und Erle Ellis von der University of Maryland in Baltimore County ist in ihrem globalen Ansatz neu. "Die Archäologen, die ich kenne, sind selten Spezialisten für viele Regionen oder so etwas wie globale Archäologie. Niemand gräbt auf der ganzen Welt, denn eine Grabung ist sehr aufwendig und teuer", meint Carsten Lemmen, Ökosystemmodellierer mit dem Spezialgebiet der Menschheitsentwicklung am Helmholtzzentrum Geesthacht (HZG), der deshalb den globalen Ansatz besonders zu schätzen weiß.

Umfrage unter Archäologinnen und Archäologen

Mit harten Daten aus dem Feld wartet die Studie nicht auf, stattdessen aktivierten die Initiatoren ihr Netzwerk von Forscherinnen und Forschern und fragten diese, wie die menschliche Wirtschaftsweise in ihren Ausgrabungsgebieten zu zehn verschiedenen Zeitpunkten innerhalb der vergangenen 10.000 Jahre ausgesehen habe. Von den 255 teilnehmenden Forschern kamen 711 Fragebögen zurück, viele gaben also zu mehr als einer Region Auskunft. Zuvor hatten die Studienautoren die Landoberfläche der Erde mit Ausnahme der Antarktis in 146 Regionen eingeteilt. Diese berücksichtigten sowohl die heutigen Staatsgrenzen und damit die Arbeitsbedingungen der Ausgräber als auch die historischen Zusammenhänge. So wurde zum Beispiel das heutige Libyen in drei Regionen eingeteilt: Tripolitanien und die Cyrenaika an der Mittelmeerküste und den Fessan im wüstenhaften Süden des Landes. Mitteleuropa dagegen besteht in der Studie nur aus einer westlichen Region, die Deutschland, die Benelux-Staaten und den Alpenraum umfasst, sowie einer östlichen Region mit Polen, Tschechien, der Slowakei und Ungarn.

In diesen 146 Regionen wurden eingetragen, wann dort in welchem Grade Wirtschaftsweisen wie Jagen und Sammeln, Pastoralismus, also nomadische Viehhaltung, extensive wie intensive Landwirtschaft sowie schließlich Stadtbildung einsetzten. Danach begann Pastoralismus vor 10.000 Jahren in Anatolien und im Gebiet zwischen Tigris und iranischem Hochland und hatte sich bis vor 3000 Jahren auf Europa, Asien sowie Nord- und Ostafrika ausgedehnt. Unabhängig davon gab es im Andenraum eine zweite Keimzelle dieser Art der Viehwirtschaft.

Seit 3000 Jahren spürbarer Einfluss des Menschen

Die Landwirtschaft setzte dagegen vor 10.000 Jahren in einer begrenzten Zahl von Zentren in der Levante und im Mittleren Osten ein und breitete sich von da aus über Europa bis nach Sibirien aus. Kurz nach Levante und Mittlerem Osten entdeckten Ostchina, der Andenraum, Neuguinea und die Nilregion diese Wirtschaftsform. Bis vor 3000 Jahren hatte sie sich über Europa, Asien, Nord- und Ostafrika sowie den Andenraum ausgebreitet, in einem breiten Streifen von den britischen Inseln über Mitteleuropa, Südsibirien und den Nil bis nach China sogar in ihrer intensiven Form.

Mit diesem Zeitpunkt setzt dann der spürbare Einfluss des Menschen auf das Erdsystem ein. "Vor 12.000 Jahren waren die Menschen vor allem Jäger und Sammler, die nicht so stark ihre Umwelt beeinflussen wie Bauern, aber vor 3000 Jahren haben sie in vielen Teilen der Erde ausgreifende Landwirtschaft betrieben", so Gary Feinman vom Field Museum. Für Landwirtschaft muss Land urbar gemacht werden, was in vielen Fällen die Rodung von Wald bedeutet. Bei dieser anfänglichen Veränderung bleibt es jedoch keineswegs, denn auch der Betrieb von Ackerbau oder Viehzucht wirkt auf das Erdsystem. So gehören die Reispflanzungen in Asien zu den größten Methanquellen der Menschheit, ebenso wie die wiederkäuenden Rinderherden.

Rückenwind für "Frühes Anthropogen"

Die ArchaeoGLOBE-Studie in "Science" stärkt damit der Hypothese vom uralten Umweltfaktor Mensch den Rücken, die der US-Paläoklimatologe William Ruddiman von der Universität Virginia bereits 2003 formulierte. Ruddiman erklärt in seiner "Frühes Anthropogen"-Hypothese, dass der Mensch seit Erfindung der Landwirtschaft ein erheblicher Klimafaktor sei, der das Klima des Holozäns bislang stabilisiert habe. Durch seine Emissionen habe er die Gehalte der Treibhausgase Kohlendioxid und Methan in der Atmosphäre stabil gehalten, während sie in früheren Warmzeiten nach einem frühen Hoch stetig abgesunken seien und so zu instabilerem Klima geführt hätten.

Nach Ruddiman und seinen Mitstreitern, zu denen auch Carsten Lemmen zählt, ist ein beträchtlicher Teil der menschengemachten Treibhausgase bereits vor Beginn der Industriellen Revolution in der Erdatmosphäre freigesetzt worden, vor allem durch weiträumige Rodung von Wäldern und Trockenlegung von Sümpfen und Mooren. Das geht hin bis zu einem Anteil von rund drei Vierteln, die vor 1750 freigesetzt wurden, und einem Viertel, das seither emittiert wurde. " Meine eigenen Rechnungen sagen die Hälfte vor der Industrialisierung und die Hälfte danach", so Lemmen, "aber das relativiert die Entwicklung der vergangenen 150 Jahre keineswegs."

Heutige Menschheit nicht aus der Verantwortung entlassen

Denn auch so bleibt die Tatsache, dass die eine Hälfte der menschlichen Treibhausgase in einem Zeitraum von vielleicht 8000 Jahren freigesetzt wurde, die andere jedoch innerhalb von nicht einmal 150 Jahren. "Das bedeutet", so Lemmen, "dass heute diese Steigerung der Emissionen viel schneller passiert als jemals zuvor." Bei einer durchschnittlichen Verweilzeit von 1000 Jahren, die Kohlendioxid in der Erdatmosphäre bleibt, seien die Emissionen der Vor- und Frühzeit längst wieder aus der Erdatmosphäre getilgt, während sich die derzeitigen immer weiter in der Lufhülle vergrößern würden. "Wir sind keineswegs aus unserer Verantwortung entlassen", betont der Modellierer.

Für ihn hat die ArchaeoGLOBE-Studie ohnehin einen wesentlich größeren Reiz als Hinweis auf bestehende Forschungsschwächen. "Dieses Paper gibt uns einen Überblick darüber, über welche Regionen Wissen eingebracht, und vor allem, wo kein Wissen oder nur wenig Wissen eingebracht wurde. Das allein ist schon eine sehr wertvolle Zusammenschau." Neben den traditionellen Schwerpunkten der Archäologie in Europa, dem Nahen und Mittleren Osten Fernost und im Andenraum gibt es nämlich viele nur dünn oder gar nicht abgedeckte Gebiete. "Jeder kennt Ägypten, aber niemand kennt die Geschichte von Simbabwe", verdeutlicht Carsten Lemmen. "Wir müssen in die Regionen investieren, die noch nicht so intensiv studiert wurden", fordert auch Ryan Williams, Co-Autor der ArchaeoGLOBE-Studie vom Field Museum, "stellen Sie sich vor, welche Ergebnisse dann herauskämen."

Weiße Flecken sollen verschwinden

Für die Archäologinnen und Archäologen ist es absolut nicht ausgemacht, dass die derzeit kaum beachteten Regionen wie etwa West- und Südafrika, Ozeanien und Südamerika jenseits des Andenraums im Lauf der Menschheitsgeschichte abseits der Entwicklung gelegen haben. "Absence of evidence is no evidence of absence", zitiert Carsten Lemmen ein geflügeltes Wort unter anglophonen Archäologen. "Auch unsere Modelle deuten eigentlich nicht darauf hin, dass dort Menschen gefehlt haben", so der Ökosystemmodellierer, "wenn man sich diese Habitate und Ökosysteme anschaut, dann gibt es eigentlich wenig Gründe, warum diese Regionen nicht besiedelt sein sollten."