30. Okt. 2019
Vanessa Hayes lernt das Feuermachen bei der Jul'hoansi-Familie in der Region Kalahari von Namibia.

Vanessa Hayes lernt das Feuermachen bei der Jul'hoansi-Familie in der Region Kalahari von Namibia.

Der Ursprung der Menschheit ist eine heftig umstrittene Frage. Dass der anatomisch moderne Mensch von Afrika aus die Welt eroberte, ist mittlerweile weitgehend Konsens. Wo allerdings genau unsere Vorfahren vor 300.000 bis 200.000 Jahren lebten, ist nicht unumstritten. In "Nature" haben Genetiker und Klimatologen jetzt eine einfache und bestechend deutliche Antwort gegeben, stoßen damit aber auf erhebliche Kritik in der Fachwelt.

Eine trockene Savanne mit vereinzelten Baobab-Bäumen und etlichen Salzwüsten soll die Heimatregion des anatomisch modernen Menschen gewesen sein. In den im Norden Botswanas gelegenen Makgadikgadi-Salzpfannen sollen nach einer in "Nature" veröffentlichten populationsgenetischen Studie vor rund 200.000 Jahren die Vorfahren der heutigen Menschen gelebt haben und 70.000 Jahre später nach Süden an die südafrikanische Küste und nach Norden in Richtung Ostafrika aufgebrochen sein. "Heute ist die Region sehr trocken und unwirtlich, aber vor rund 200.000 Jahren war sie ein Feuchtgebiet, sehr angenehm", berichtete die Leiterin des Projektes Vanessa Hayes vom Garvan Institute of Medical Research in Sydney.

Die Makgadikgadi-Salzpfannen in Botswana.

Die Makgadikgadi-Salzpfannen in Botswana.

Bild: Wikimedia Commons/Diego Cue (CC BY-SA 3.0)
Karte des Sambesi-Flusssystems im südlichen Afrika.

Karte des Sambesi-Flusssystems im südlichen Afrika.

Bild: Wikimedia Commons/Sting (CC BY-SA 3.0)
Zwei Menschen auf dem Sambesi.

Zwei Menschen auf dem Sambesi.

Bild: Wikimedia Commons/Someone35 (CC BY-SA 3.0)
Vanessa Hayes spricht mit dem Ältesten Ikun Ikunta von der Jul'hoansi-Familie in der Region Kalahari von Namibia.

Vanessa Hayes spricht mit dem Ältesten Ikun Ikunta von der Jul'hoansi-Familie in der Region Kalahari von Namibia.

Bild: Nature/Chris Bennett, Evolving Picture, Sydney, Australia
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Die Makgadikgadi-Salzpfannen in Botswana.

Bild: Wikimedia Commons/Diego Cue

Karte des Sambesi-Flusssystems im südlichen Afrika.

Bild: Wikimedia Commons/Sting

Zwei Menschen auf dem Sambesi.

Bild: Wikimedia Commons/Someone35

Vanessa Hayes spricht mit dem Ältesten Ikun Ikunta von der Jul'hoansi-Familie in der Region Kalahari von Namibia.

Bild: Nature/Chris Bennett, Evolving Picture, Sydney, Australia

Die Forschergruppe hatte die Mitochondrien-DNA von 1217 heute lebenden Menschen ausgewertet und daraus einen datierten Stammbaum erstellt. Die Mehrzahl der Proben stammte von Angehörigen der Khoisan, einer Bevölkerungsgruppe im südwestlichen Afrika, die man als die älteste noch existierende Population der Menschheit ansieht. Vergleichsproben aus anderen Regionen Afrikas und dem Rest der Welt dienten als Korrektiv. Der zweite Teil der Arbeitsgruppe, der aus Klimatologen bestand, versuchte mit Klimamodellen die Umweltbedingungen in der fraglichen Region während der kritischen Perioden der Menschheitsentwicklung zu simulieren, um die Triebkräfte der Expansion herauszupräparieren. Der dritte Aspekt der Untersuchung umfasste die archäologischen Funde, die die Anwesenheit anatomisch moderner Menschen in Afrika dokumentieren. Sie stellten gewissermaßen das chronologische Gerüst dar, an dem sich Hayes und ihre Kollegen orientieren mussten.

Seen sorgten für günstige Umweltbedingungen

Danach hat sich im Gebiet der Makgadikgadi-Salzpfannen vor mehr als 200.000 Jahren ein gewaltiger See befunden, der zur Ursprungszeit der modernen Menschen bereits im Austrocknen begriffen war. "Es waren mehrere kleinere Seen entstanden, die eben für das Feuchtland sorgten", so Hayes. Die günstigen Bedingungen hielten dem trockener und trockener werdenden Klima noch rund 70.000 Jahre stand, dann begannen sie sich offenbar drastisch zu verschlechtern. Die Klimasimulationen, die Axel Timmermann vom südkoreanischen Institut für Grundlagenforschung in Busan, lieferte, zeigen allerdings, dass sich zu dieser Zeit Emigrationskorridore nach Süden und Nordosten bildeten, die die Menschen offenbar auch nutzten. "Sie spielten verrückt, weil auf einmal sehr viele neue Abstammungslinien auftauchten", kommentiert die Genetikerin Hayes den Befund aus Mitochondrien-DNA. Archäologische Befunde von der Südküste Afrikas und die Datierung der anatomisch modernen Menschen in Ostafrika widersprechen diesem Bild nicht.

Doch in der Fachwelt stößt die Studie auf erhebliche Skepsis. "Man kann nicht die Verteilung der modernen Mitochondrien-DNA nutzen, um daraus das Ursprungsgebiet der anatomisch modernen Menschen zu rekonstruieren, das überstrapaziert die Daten", sagt etwa der Archäologe Chris Stringer vom Naturkundemuseum in London gegenüber der BBC. "So etwas ist nicht möglich", sekundiert die Genetikerin Sarah Tishkoff im "Guardian", "Menschen wandern über große Distanzen, sie haben für die Besiedelung der Erde nur 80.000 Jahre benötigt."

Grundsätzliche Einwände gegen den Ansatz

Grundsätzliche Einwände gegen die Vorstellung eines einzigen Ursprungs der anatomisch modernen Menschheit kommen von Eleanor Scerri vom Max-Planck-Institut für Menschheitsgeschichte in Jena. "Vor 200.000 Jahren gab es nicht nur die Träger der Mitochondrien-DNA, die Hayes und Kollegen jetzt identifiziert haben", betont sie gegenüber "Wired". Statt eines einzelnen Ursprungsortes setzt Scerri auf eine ganze Reihe von genetisch und auch geographisch getrennten Ursprungspopulationen, die sich über einen langen Zeitraum zum anatomisch modernen Menschen vereinigten. "Das wäre meine Leitidee, wenn ich die menschlichen Ursprünge in Afrika lehre, und nicht der Versuch ein einzelnes Ursprungsgebiet zu finden", so Jon Marks, Anthropologe an der Universität von North Carolina.