07. Feb. 2020
Der Chan-Hol-III-Schädel an seinem ursprünglichen Ablagerungsort in einer überfluteten Karsthöhle der mexikanischen Halbinsel Yucatán. Der rote Pfeil bezeichnet einen abgebrochenen Stalagmiten.

Der Chan-Hol-III-Schädel an seinem ursprünglichen Ablagerungsort in einer überfluteten Karsthöhle der mexikanischen Halbinsel Yucatán. Der rote Pfeil bezeichnet einen abgebrochenen Stalagmiten.

Die Besiedlung des amerikanischen Doppelkontinents durch die indianischen Ureinwohner ist eines der vertracktesten Probleme der Vor- und Frühgeschichte, denn die Fundlage ist ausgesprochen dürftig. Neue Untersuchungen an Schädeln von der mexikanischen Halbinsel Yucatán und ein neues Skelett von dort zeigen, wie ungesichert die derzeitige Vorstellung der Erstbesiedlung ist.

Vor mehr als zehntausend Jahren haben offenbar ganz unterschiedliche Einwanderergruppen Nord- und Mittelamerika erschlossen. In "PLoS One" stellt eine deutsch-mexikanische Forschergruppe einen seltenen Skelettfund vor, der aus einer Karsthöhle an der Karibikküste der Halbinsel Yucatán stammt. "Dieses Skelett ist sehr gut erhalten, und es zeigt, dass diese Frau zu einer Gruppe von Menschen gehört hat, die sich von der Schädelmorphologie her deutlich von anderen Skeletten des amerikanischen Kontinents unterscheidet. Diese Unterschiede sind besonders eklatant zwischen dem Schädel von Yucatán und denjenigen, die man aus Zentralmexiko her kennt", berichtet Wolfgang Stinnesbeck, Professor für Biostratigraphie und Paläoökologie an der Universität Heidelberg und Chef der Forschergruppe.

Karte der Karsthöhlen bei Tulum, Yucatán.

Karte der Karsthöhlen bei Tulum, Yucatán.

Bild: PLoS/ Hubbe et al. (DOI: 10.1371/journal.pone.0227444) (CC BY-SA 4.0)
Paläoindianer jagen ein Riesengürteltier.

Paläoindianer jagen ein Riesengürteltier.

Bild: Wikimedia Commons/Heinrich Harder (CC0)
Das Chan-Hol-II-Skelett an seinem ursprünglichen Ablagerungsort in einer überfluteten Karsthöhle der mexikanischen Halbinsel Yucatán.

Das Chan-Hol-II-Skelett an seinem ursprünglichen Ablagerungsort in einer überfluteten Karsthöhle der mexikanischen Halbinsel Yucatán.

Bild: PLoS/Stinnesbeck et al. (DOI: 10.1371/journal.pone.0183345) (CC BY-SA 4.0)
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Karte der Karsthöhlen bei Tulum, Yucatán.

Bild: PLoS/ Hubbe et al. (DOI: 10.1371/journal.pone.0227444) (CC BY-SA 4.0)

Paläoindianer jagen ein Riesengürteltier.

Bild: Wikimedia Commons/Heinrich Harder (CC BY-SA 4.0)

Das Chan-Hol-II-Skelett an seinem ursprünglichen Ablagerungsort in einer überfluteten Karsthöhle der mexikanischen Halbinsel Yucatán.

Bild: PLoS/Stinnesbeck et al. (DOI: 10.1371/journal.pone.0183345) (CC BY-SA 4.0)

Die Besiedlung Amerikas ist ein notorisch vertrackter Forschungsbereich, denn der Bestand an Funden ist bei weitem nicht so üppig wie beispielsweise in Europa. Gerade menschliche Überreste sind rar. Aus Südamerika kennt man vielleicht 300 oder 400 menschliche Knochenfunde, aus Mittel- und Nordamerika weniger als zwei Dutzend. Entsprechend ungesichert sind alle Hypothesen über die Einwanderungszüge, die wohl vor allem von Norden über die trockengefallene Beringstraße auf den Doppelkontinent stattfanden.

Karsthöhlen bergen viele prähistorische Spuren

Die Karsthöhlen nahe der Stadt Tulum im mexikanischen Bundesstaat Quintana Roo, in denen Stinnesbeck und seine Kollegen seit Jahren forschen, haben einen großen Teil der nord- und mittelamerikanischen Skelettfunde ergeben. "Das ist ein Karsthöhlensystem mit unterschiedlichen Stockwerken, die runtergehen bis auf ungefähr 30 Meter, an manchen Stellen bis auf 60 oder 70 Meter und vereinzelt sogar auf über hundert Meter", so Stinnesbeck. Insgesamt zehn Skelette im Alter zwischen 13.000 und 9000 Jahren hat man inzwischen dort gefunden. Die Menschen damals müssen sehr unterschiedlich ausgesehen haben.

Eine Anthropologen-Gruppe aus den USA und Mexiko hat ebenfalls in "PLoS One" vier Schädel aus den Tulum-Karsthöhlen vermessen und mit anderen Populationen weltweit verglichen und kommt zu einem vergleichbaren Ergebnis wie Stinnesbeck. "Die Schädel, die wir untersucht haben, unterschieden sich zum Teil erheblich von den prähistorischen Schädeln, die man an verschiedenen Orten in Südamerika gefunden hat", betonte Mark Hubbe, Anthropologie-Professor an der Ohio State University in Columbus.

Die US-Forscher haben die Schädel anhand von morphologischen Kriterien verglichen und für jeden einzelnen der vier mexikanischen Funde die Population bestimmt, die ihm am ähnlichsten sieht. Zwei Schädel wiesen die meisten Ähnlichkeiten mit Inuit auf, ein weiterer mit Europäern, der vierte schließlich war am engsten mit den sogenannten Paläoindianern verwandt, zu denen wohl auch das von Stinnesbeck und Kollegen vorgestellte Frauenskelett gehörte. Diese Paläoindianer sind nicht mit den heute lebenden Ureinwohnern verwandt. "Das bisherige Bild war, dass sie irgendwann vor 12.600 Jahren nach Amerika kamen, aber vor etwa 8000 Jahren wieder verschwunden sind", so Stinnesbeck. Die Vorfahren der heutigen Ureinwohner kamen nach den Paläoindianern, möglicherweise zeitgleich mit deren Verschwinden. "Was mit diesen Paläoindianern geschehen ist, das kann man nicht sagen", so Stinnesbeck, "möglicherweise wurden die von den nachkommenden Menschen ausgerottet."

Komplexere Einwanderung als gedacht

Komplizierter wird es jetzt durch die morphologische Vielfalt, die offenbar unter den frühesten Einwanderern herrschte. Auch wenn Hubbe und seine Kollegen ihre Ergebnisse vorsichtig bewerten und darauf hinweisen, dass die Vielfalt der Schädelformen auch individuelle Unterschiede oder gar Krankheiten widerspiegeln könnte, glauben die Anthropologen doch, dass das Geschehen damals wesentlich komplexer war als das Bild, das wir uns heute davon machen. "Wir sollten zunächst einmal aufhören, von der Besiedlung des Doppelkontinents zu reden, denn offenbar verlief sie in Nord- und Mittelamerika ganz anders als im Süden", so Mark Hubbe, "alles was wir zu wissen glauben, ist wahrscheinlich nicht die ganze Geschichte."