24. Okt. 2016

Der spätkreidezeitliche Gänsevogel Vegavis iaai in seiner natürlichen Umgebung.

Die Dinosaurier der späten Kreidezeit kamen möglicherweise bereits in den Genuss eines ähnlichen Vogelkonzertes wie wir heutzutage. Paläontologen aus den USA und Argentinien haben in dem Fossil eines gänseähnlichen Vogels aus der Antarktis das bislang älteste Stimmorgan eines Vogels präpariert. In "Nature" berichten die Forscher über ihren Fund.

Zumindest so etwas wie Quaken haben Tyrannosaurus rex und seine Zeitgenossen zu hören bekommen. "Das Quaken von ziehenden Gänsen hoch über den Köpfen der Dinosaurier ist schon eine krasse Vorstellung", meint Hauptautorin Julia Clarke, Professorin für Paläontologie an der Universität von Texas in Austin. Clarke gehörte 2005 zu den Entdeckern der Vegavis iaai genannten Urente und hat die Spezies seither intensiv in ihrem Labor und am Fundort erforscht. Dieser ist die Vega-Insel, eine der nördlichsten Inseln der Antarktischen Halbinsel, die knapp südlich der Festlandsspitze liegt.

Das erste Fossil des Urvogels aus den letzten Jahren der Kreidezeit erwies sich gleich als ungewöhnlich gut erhaltenes Skelett - und als Clarke und ihre Mitarbeiter es in einen hochauflösenden Computertomographen legten, erlebten sie eine Überraschung. In den versteinerten Sedimenten, die vor rund 66 Millionen Jahren den toten Vogel zugedeckt hatten, hatte sich die Syrinx erhalten, das Stimmorgan, mit dem heutige Vögel ihre Gesänge produzieren. "Anders als unsere Stimmbänder liegt die Syrinx tief in der Brust in der Nähe des Herzens", erklärt Clarke. Das Organ ist eine Y-förmige Röhre, die aus mehr oder weniger stark miteinander verwachsenen, verknöcherten, aber dennoch filigranen Ringen besteht, an denen Membranen verankert sind, mit denen die Töne erzeugt werden. Membranen werden im Zuge der Fossilisierung nur in den seltensten Fällen erhalten, und auch die Ringknochen sind so empfindlich, dass niemand mit ihrer Fossilisierung rechnete. "Möglicherweise müssen die Paläontologen nach unserem Fund noch einmal ihre Bestände genau durchsehen", sagt Clarke. Eventuell findet sich in den Museen dieser Welt noch die eine oder andere Überraschung.

Abbildung der fossilien Syrinx aus der späten Kreidezeit, die Forscher der Universität Texas und Kollegen vor der antarktischen Halbinsel gefunden haben. Im Schnittbild ist zu sehen, wo bei Vögeln und bei Reptilien der Stimmapparat sitzt.

Abbildung der fossilien Syrinx aus der späten Kreidezeit, die Forscher der Universität Texas und Kollegen vor der antarktischen Halbinsel gefunden haben. Im Schnittbild ist zu sehen, wo bei Vögeln und bei Reptilien der Stimmapparat sitzt.

Bild: Nature/J. Clarke/UT Austin
Der spätkreidezeitliche Gänsevogel Vegavis iaai in seiner natürlichen Umgebung. Hervorgehoben ist die Syrinx, sein Stimmapparat.

Der spätkreidezeitliche Gänsevogel Vegavis iaai in seiner natürlichen Umgebung. Hervorgehoben ist die Syrinx, sein Stimmapparat.

Bild: Nature/Nicole Fuller/Sayo Art for UT Austin
Vergleich des Stimmapparats im spätkreidezeitlichen Vogel Vegavis iaai (links) und im modernen Alligator (rechts unten). Im Mesozoikum fand die Entwicklung der Syrinx statt, wie sie Vögel heutzutage anstelle der bei Reptilien und anderen Wirbeltierklassen üblichen Larynx einsetzen.

Vergleich des Stimmapparats im spätkreidezeitlichen Vogel Vegavis iaai (links) und im modernen Alligator (rechts unten). Im Mesozoikum fand die Entwicklung der Syrinx statt, wie sie Vögel heutzutage anstelle der bei Reptilien und anderen Wirbeltierklassen üblichen Larynx einsetzen.

Bild: Nature/Nicole Fuller/Sayo Art for UT Austin
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Abbildung der fossilien Syrinx aus der späten Kreidezeit, die Forscher der Universität Texas und Kollegen vor der antarktischen Halbinsel gefunden haben. Im Schnittbild ist zu sehen, wo bei Vögeln und bei Reptilien der Stimmapparat sitzt.

Bild: Nature/J. Clarke/UT Austin

Der spätkreidezeitliche Gänsevogel Vegavis iaai in seiner natürlichen Umgebung. Hervorgehoben ist die Syrinx, sein Stimmapparat.

Bild: Nature/Nicole Fuller/Sayo Art for UT Austin

Vergleich des Stimmapparats im spätkreidezeitlichen Vogel Vegavis iaai (links) und im modernen Alligator (rechts unten). Im Mesozoikum fand die Entwicklung der Syrinx statt, wie sie Vögel heutzutage anstelle der bei Reptilien und anderen Wirbeltierklassen üblichen Larynx einsetzen.

Bild: Nature/Nicole Fuller/Sayo Art for UT Austin

Zum gegenwärtigen Zeitpunkt ist Vegavis iaai jedoch das älteste bekannte Lebewesen auf Erden, das wie ein Vogel singen konnte, auch wenn es wahrscheinlich nicht mehr als Quaken und Schnattern zustande brachte. "Wir gehen daher davon aus, dass der Gesang der Vögel sehr spät in ihrer Entwicklung entstand", sagt Julia Clarke. Möglicherweise ist er das wirklich einzigartige Merkmal, das Vögel vor allen anderen Wirbeltieren auszeichnet - schließlich hat man in jüngster Zeit mehr und mehr Dinosaurier mit Federn entdeckt. Wie Vegavis iaai in der Antarktis lebte, können Paläontologen wie Julia Clarke nur mutmaßen. Zur Dinosaurierzeit war der Südkontinent weder so isoliert noch so eisig wie heute. "Die Temperaturen waren sogar relativ warm und die Antarktis war noch mit den anderen Südkontinenten wie Australien oder Südamerika verbunden", so Clarke. Die Paläontologen gehen aufgrund der überlieferten Pflanzenreste davon aus, dass auf der Antarktis große Scheinbuchenwälder existierten, in denen Säugetiere, Saurier und Vögel sowie zahlreiche Wirbellose lebten.

Eins jedoch machte ihnen allen zu schaffen: Mindestens drei Monate im Jahr war der Kontinent in Dunkelheit gehüllt, außer dem Mond und den Sternen schien im Südwinter kein Licht. Möglicherweise haben die beweglicheren Tiere wie die Gänsevögel der Art Vegavis iaai dieses Problem gelöst, indem sie dem Licht hinterherzogen. "Wenn es ein jahreszeitlich wechselndes Nahrungsangebot gab", sagt Julia Clarke, "warum sollten dann die kreidezeitlichen Vögel nicht auch gewandert sein, wie ihre heutigen Verwandten?" Möglicherweise haben daher die Dinosaurier im damaligen Herbst und Frühjahr genauso interessiert in den Himmel geblickt wie die heutigen Menschen, wenn sich mit lautem Geschrei die ziehenden Gänse auf den Weg machten.