19. Feb. 2020
Ziehende Gänse über der deutschen Nordseeinsel Juist.

Ziehende Gänse über der deutschen Nordseeinsel Juist.

Jeden Herbst und jedes Frühjahr gehören Vogelzüge zum gewohnten Bild auf der Nordhalbkugel. Das Verhalten ist offenbar nicht erst in der aktuellen Warmzeit entstanden, sondern war wohl schon in der vorhergehenden Kaltzeit ausgeprägt. Wissenschaftler vom Max-Planck-Institut für Verhaltensbiologie in Radolfzell stellen die entsprechenden Ergebnisse eines Computermodells in "Nature Communications" vor.

Die jüngste Kaltzeit mit ihren ausgedehnten Gletschern über Europa und Nordamerika hat Zugvögel offenbar nicht von ihren Reisen abgehalten. "Die Wanderlust ist tief in den Tieren verankert: Sobald es an einem anderen Ort bessere Bedingungen für die Fortpflanzung oder das Überleben gibt, werden Tiere wandern", sagt Martin Wikelski vom Radolfzeller MPI. Mit einem einfachen Computermodell haben Wikelski und Kollegen gezeigt, dass sogar während des Höhepunkts der vergangenen Kaltzeit sehr viele Vögel zwischen nördlichen und südlicheren Gefilden hin- und herpendelten.

Berechnete Verbreitung von Zugvögeln. In den roten Gebieten kamen mehr Arten vor als heute, in den blauen weniger Arten.

Berechnete Verbreitung von Zugvögeln. In den roten Gebieten kamen mehr Arten vor als heute, in den blauen weniger Arten.

Bild: Nature/ Somveille et. al (2020)
Starenschwarm auf der dänischen Nordseeinsel Romø.

Starenschwarm auf der dänischen Nordseeinsel Romø.

Bild: Wikimedia Commons/Erik Frohne (CC0)
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Berechnete Verbreitung von Zugvögeln. In den roten Gebieten kamen mehr Arten vor als heute, in den blauen weniger Arten.

Bild: Nature/ Somveille et. al (2020) (CC0)

Starenschwarm auf der dänischen Nordseeinsel Romø.

Bild: Wikimedia Commons/Erik Frohne (CC0)

Dass die genetischen Anlagen und auf ihnen aufbauend die Voraussetzungen in Physiologie und Verhalten schon lange bei Vögeln vorhanden sind, ist unter Biologen unumstritten. Die Frage ist nur, seit wann die Tiere diese Möglichkeiten dann auch tatsächlich genutzt haben. Viele Forscher gehen davon aus, dass das erst mit Anbruch des Holozän, der gegenwärtigen Warmzeit, der Fall war. Nachweisen lässt sich das freilich nicht, denn Verhalten hinterlässt keine Spuren in der fossilen Überlieferung. Die einzige Möglichkeit stellen daher Simulationen dar, die die heutigen Verhaltensmuster auf frühere Zeiten übertragen.

Das Modell, das Wikelski und seine Mitarbeiter anwendeten, stammt von Marius Somveille, der auch Hauptautor der Studie in "Nature Communications" ist. Es basiert auf einfachen Grundsätzen der Energieeffizienz, nach denen die Tiere genau das tun, was ihnen bei den vorhandenen Nahrungsressourcen den größten Bruterfolg verspricht. Nach diesen Prinzipien haben die Forscher die verfügbaren Vogelzugdaten in ein Modell eingespeist und dann die Klimazustände der vergangenen 50.000 Jahre durchgespielt. Damit war die gesamte Bandbreite der Möglichkeiten im gegenwärtigen Eiszeitalter abgedeckt, vom sogenannten Letzteiszeitlichen Maximum vor 24.500 bis vor rund 18.000 Jahren bis zum sogenannten Klimaoptimum des Holozän vor rund 6000 bis 2000 Jahren.

Dem Computermodell zufolge gab es bei der Zahl der Zugvogelarten in Europa selbst während der tiefsten Kaltzeit kaum einen Unterschied gegenüber dem heutigen Stand, möglicherweise war die Zahl der ziehenden Arten sogar höher als heute. In Nordamerika hat sich dagegen die Artenzahl seit dem Höchststand der Gletscher um rund ein Fünftel erhöht. "Diese Arten waren damals offenbar Standvögel und sind erst danach Zugvögel geworden", so Wikelski. Auch bei der Distanz, die die Vögel auf ihren Flügen zurücklegten, gibt es Unterschiede zwischen den beiden Kontinenten. In Nordamerika war sie zu Gletscherzeiten um rund 40 Prozent oder 500 Kilometer geringer. In Europa scheinen die Strecken dagegen gleichgeblieben zu sein.

"Der Vogelzug ist nicht erst nach der letzten Eiszeit entstanden, seine Ursprünge müssen viel weiter zurückreichen", sagt Martin Wikelski. Für die Zukunft in Zeiten des Klimawandels könnte das bedeuten, dass nur wenige Vogelarten ihr Verhalten ändern und plötzlich zu Zug- oder Standvögeln werden. Die Zugvögel werden sich leichter den rapide sich ändernden Umständen anpassen können und gegebenenfalls ihre Flugrouten verkürzen oder verlegen. Die Standvögel dagegen werden die volle Wucht des Wandels erfahren.