04. Dez. 2019
Blick über eine Stadt der Harappa-Zivilisation in Katpalon, Punjab

Blick über eine Stadt der Harappa-Zivilisation in Katpalon, Punjab

Zentrales Element aller frühen Hochkulturen sind Strukturen, die die Versorgung mit Wasser für die Landwirtschaft sicherstellen sollen. In Mesopotamien bauten die Sumerer Kanäle zwischen Euphrat und Tigris, die Ägypter versuchten mit Dämmen und Becken die jährliche Nilflut zu speichern und auch entlang des Indus gibt es Anzeichen dafür, dass die dritte frühe Hochkultur den Fluss zu nutzen wusste. Um so erstaunter waren die Archäologen, die seit Mitte des vorigen Jahrhunderts mitten den Wüsten Thar und Cholistan im pakistanisch-indischen Grenzgebiet Spuren von großen Städten der Indus-Kultur fanden, ohne dass sich dort ein entsprechender Fluss nachweisen ließe. Offenbar aber war zu Beginn der Harappa-Kultur ein heute nur noch während des Monsuns bestehender Fluss, der Gaggar-Hakra, noch rund ums Jahr aktiv. Entsprechende Erkenntnisse publizieren indische Forscher in den "Scientific Reports" von "Nature".

An den fünf Flüssen des Punjab blühte vor rund 5000 Jahren eine der ersten menschlichen Hochkulturen auf. Die Indus- oder Harappa-Kultur besaß gut geplante Städte, die im Fall der Zentren Harappa und Mohendjo Daro mehrere Zehntausend Einwohner hatten und so durchaus mit den Siedlungen der beiden anderen Hochkulturen dieser Zeit, Ägypten und Sumer, mithalten konnten. Heutige Wissenschaftler haben jedoch seit langem gerätselt, warum die Indus-Kultur offenbar einen Siedlungsschwerpunkt mitten in den Wüsten von Rajasthan hatte. Seit den 50er Jahren des 20. Jahrhunderts wurden Dutzende von Siedlungen ausgegraben, die offenbar weder als Oasen mit tiefliegenden Grundwasservorkommen funktioniert, noch über große Speicherbecken für die Monsunregen verfügt hatten. Was also, so die Frage, hatte die Menschen vor 5000 Jahren in die Wüste gelockt.

Ausdehnung der Harappa-Kultur mit bedeutenden Stätten der Kultur (rot) und naheliegenden Ausgrabungsstätten benachbarter Kulturen (schwarz)

Ausdehnung der Harappa-Kultur mit bedeutenden Stätten der Kultur (rot) und naheliegenden Ausgrabungsstätten benachbarter Kulturen (schwarz)

Bild: Cell/Vasant Shinde
Harappa im Punjab, die namensgebende Ausgrabungsstätte der Indus-Zivilisation.

Harappa im Punjab, die namensgebende Ausgrabungsstätte der Indus-Zivilisation.

Bild: Wikimedia Commons/Smn121 (CC BY 3.0)
Ruinen von Harappa, der namensgebenden Ausgrabungsstätte der Indus-Zivilisation

Ruinen von Harappa, der namensgebenden Ausgrabungsstätte der Indus-Zivilisation

Bild: Wikimedia Commons/Hasan Nasir (CC BY 3.0)
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Ausdehnung der Harappa-Kultur mit bedeutenden Stätten der Kultur (rot) und naheliegenden Ausgrabungsstätten benachbarter Kulturen (schwarz)

Bild: Cell/Vasant Shinde (CC BY 3.0)

Harappa im Punjab, die namensgebende Ausgrabungsstätte der Indus-Zivilisation.

Bild: Wikimedia Commons/Smn121 (CC BY 3.0)

Ruinen von Harappa, der namensgebenden Ausgrabungsstätte der Indus-Zivilisation

Bild: Wikimedia Commons/Hasan Nasir (CC BY 3.0)

Offenbar war die Wasserversorgung in den ersten Jahrhunderten der Kultur aber gar kein so großes Problem. Eine Arbeitsgruppe vom Physikalischen Forschungsinstitut in Ahmedabad und dem Indischen Institut für Technologie in Bombay hat Sedimentproben aus dem Bett des in Indien Ghaggar, in Pakistan Hakra genannten Flusses untersucht, der heutzutage nur während der Monsunzeit Wasser führt. In dem Zeitraum von vor 9000 bis vor 4500 Jahren war das offenbar noch anders. Die Sedimente aus den entsprechenden Abschnitten deuten auf stetigen Wasserzufluss aus dem Himalaya hin, so dass der Fluss damals rund ums Jahr existierte.

Die Sedimente deuten, so die Autoren in ihrem Aufsatz, darauf hin, dass der heute noch fließende Sutlej damals durch das Flusstal des Gaggar-Hakra floss. Heute ist der Sutlej der östlichste und längste der fünf Flüsse des Punjab. Damit wäre der Ghaggar-Hakra womöglich tatsächlich der Sarasvati aus dem Rigveda, dem ältesten Teil der hinduistischen Veden. Ihn konnte man bislang nie genau lokalisieren. Was die Verbindung des Ghaggar-Hakra zum Himalaya unterbrach, ist nicht klar, doch ist der Bruch klar in den Sedimenten erkennbar, denen seit 2500 vor Christus das Himalaya-Element fehlt.

Das Ende der kontinuierlichen Wasserversorgung aus dem Hochgebirge läutete das Ende der Indus-Kultur entlang des Ghaggar-Hakra ein. Während sich die Kultur vor rund 4500 Jahren ihrem Höhepunkt näherte und die beiden Zentren Harappa am Ravi und Mohendjo Daro am Unterlauf des Indus ihre größte Ausdehnung erreichten, wurden entlang des Ghaggar-Hakra sukzessive die Siedlungen aufgegeben. "Es gibt klare Anzeichen, dass die Menschen sich in Richtung des Ober- und des Unterlaufs zurückzogen und den Mittellauf des Flusses praktisch aufgaben", schreiben die Autoren in ihrem Bericht. Offenbar hatte damit aber auch die gesamte Kultur ihren Zenit überschritten, denn gegen 1800 vor Christus wurden auch die Zentren entlang von Indus, Ravi und Sutlej aufgegeben.