20. Okt. 2017

Aufnahme des Nilhochwassers aus den 1890er Jahren: Bis zum Bau des Assuanstaudamms bedingte es die ägyptische Landwirtschaft.

Geschichte wird von Siegern geschrieben, lautet ein bekanntes Diktum von Winston Churchill. Der britische Staatsmann mag da um der Rhetorik willen verkürzt haben, zutreffend allerdings ist, dass Geschichte bis heute von Menschen handelt und geschrieben wird. Sie sind die Akteure, alles andere Kulisse. Doch die Fälle mehren sich, in denen die Natur Geschichte schreibt. In "Nature Communications" haben Natur- und Geisteswissenschaftler die Geschichte des hellenistischen Ägyptens mit einer langen Reihe von Vulkanausbrüchen synchronisiert.

Der Feldzug war für Ptolemäus III. bislang sehr gut verlaufen. Auf Bitten seiner Schwester Berenike hatte sich der König des hellenistischen Ägyptens kurz nach seiner Krönung 246 vor Christus in die  Thronstreitigkeiten des benachbarten Seleukidenreiches eingemischt. Berenike kämpfte mit einer Nebenbuhlerin um die Herrschaft, doch die Unterstützung ihres Bruders half ihr nichts mehr. Noch bevor Ptolemäus die Grenze überschritten hatte, waren sie und ihr Sohn von ihren Gegnern getötet worden. Doch das blieb lange der einzige Rückschlag für den ehrgeizigen Herrscher. Die reichen syrischen Provinzen der Seleukiden fielen ihm im Nu zu, und er marschierte bis nach Babylon, der alten Hauptstadt Mesopotamiens.

243 vor Christus wendete sich das Kriegsglück abrupt. Hals über Kopf musste Ptolemäus zurück nach Ägypten eilen, um seine eigene Herrschaft zu sichern. Revolten erschütterten das Niltal, und der Herrscher brauchte alle Ressourcen, um seinen eigenen Thron zu sichern. Im Zweistromland konnte sich daraufhin sein Gegner als König durchsetzen, dem Pharao blieben einzig die syrischen Provinzen der Seleukiden – eine Art Trostpreis anstelle des reichen Orients und für den Rest der hellenistischen Geschichte ein stetiger Zankapfel zwischen Ptolemäern und Seleukiden.

Wie konnte der mächtige Herrscher des reichen Ägyptens in eine derart brenzlige Lage geraten? Die Indizien mehren sich, dass sich ein Faktor eingemischt hatte, dem selbst der sagenhaft reiche Ptolemäer nicht gewachsen war. "Die Ptolemäerherrschaft in Ägypten fiel in eine Phase, in der es sehr häufig Vulkanausbrüche gab", erklärt Michael Sigl, Chemiker am Schweizer Paul-Scherrer-Institut bei Zürich. Und diese Vulkanausbrüche scheinen die ägyptische Wirtschaft regelmäßig ins Trudeln gebracht zu haben. "Die Eruptionen können den Monsun kurzfristig stören, der jeden Sommer im Hochland von Äthiopien Niederschlag bringt", berichtet Sigl. Lässt ein Vulkan die jährliche Regenzeit in Äthiopien ausfallen, bleibt das Nilhochwasser aus.

Abbildung von Ptolemäus III. Euergetes auf einer goldenen Oktadrachme.
Bild: Jastrow/CC0

In der 5000 Jahre dauernden Geschichte der ägyptischen Hochkultur waren die Folgen jedes Mal dramatisch. Bis zum Bau des Assuanstaudamms vor knapp 60 Jahren hingen Wohl und Wehe der Landwirtschaft vom jährlichen Hochwasser ab, mit dem Wasser und fruchtbarer Schlamm auf die Felder des Landes getragen wurden. "Blieb es aus, gab es Hungersnöte", erklärt der irische Historiker Francis Ludlow vom Trinity College in Dublin. Genau das scheint passiert zu sein, als Ptolemäus III. in Mesopotamien seinen Großmachtträumen nachjagte. Seine Gattin und Mitherrscherin Berenike II. konnte offenbar nicht genug Getreide importieren, um die darbende Bevölkerung ruhig zu stellen. "Die Ptolemäer waren eigentlich gut darin, in Krisenzeiten Getreide zu importieren", so Ludlow, "erst wenn das nicht gelang, gab es Revolten." Berenike II. rief daher ihren Ehemann umgehend zurück, um zum kargen Zuckerbrot auch die Peitsche in Form der Armee bereitzuhalten.

Ägypten ist ein dankbares Objekt für Historiker, denn seit den frühen Dynastien des Alten Reiches hat man am Nil gern und ausführlich geschrieben. Verglichen mit seinen Nachbarn in Kleinasien und Mesopotamien hat das Land zudem eine relativ stabile Geschichte mit nur wenigen Invasionen gehabt. Die Überlieferungslage ist daher vergleichsweise gut. Die Korrelationen zwischen innenpolitischen Schwierigkeiten am Nil und Vulkanausbrüchen rings um die Welt waren dennoch schwierig herauszuarbeiten. Die Arbeitsgruppe, zu der Michael Sigl und Francis Ludlow gehören, hat aus Eisbohrkernen für die vergangenen 2500 Jahre eine robuste Chronik der großen Vulkanausbrüche erarbeitet. Dies traf zusammen mit der hervorragenden Überlieferung am Nil. "Dadurch, dass wir so eine lange, kontinuierliche Zeitreihe von Vulkanismus hatten, konnten wir jetzt wirklich mal die sozialen Indikatoren vergleichen, wie die sich relativ zu starken Vulkanausbrüchen sich verhalten", so Michael Sigl. Das Ergebnis: Acht der zehn großen Unruhen in der langen Herrschaft der Ptolemäer ereigneten sich innerhalb von zwei Jahren nach einer großen Eruption.

Die stärksten Folgen hatten zweifellos die Revolten von 243 vor Christus, denn sie verhinderten schon im Ansatz, dass sich Ptolemäus III. zum mächtigsten der hellenistischen Könige aufschwingen konnte. Möglicherweise war das das Glück des ambitionierten Herrschers, denn er verzettelte seine Kräfte nicht in der endlosen Landmasse zwischen Ägypten und Indien. Trotz des Misserfolgs in Babylon erlebte das Ptolemäerreich unter ihm den Gipfel seiner Macht, in der Levante konnte sich Ägypten als die entscheidende Großmacht dauerhaft etablieren. Und auch die Hungeraufstände seiner Untertanen bekam Ptolemäus offenbar erfolgreich unter Kontrolle, denn er erhielt den Beinamen Euergetes, zu Deutsch Wohltäter.