19. Jun. 2019
Ausschnitt aus einem Bohrkern, der bei Vorarbeiten zur Verlängerung der U-Bahnlinie 2 gezogen wurde. Die menschlich beeinflußten Schichten reichen bis in 4,1 Meter Tiefe.

Ausschnitt aus einem Bohrkern, der bei Vorarbeiten zur Verlängerung der U-Bahnlinie 2 gezogen wurde. Die menschlich beeinflußten Schichten reichen bis in 4,1 Meter Tiefe.

Seit mehr als 2000 Jahren siedeln Menschen verbürgtermaßen auf dem Gebiet der österreichischen Bundeshauptstadt Wien. Ein Projekt der Universität Wien will diese menschliche Besiedelung digital sichtbar machen: Es entwickelt ein dreidimensionales Computermodell der menschlich geprägten Bodenschichten unterhalb der Stadt. Die reichen bis zu 42 Meter tief. Auf der Jahrestagung der Europäischen Geowissenschaftlichen Union in Wien wurde das Projekt vorgestellt.

Die Geschichte Wiens reicht bis in die Zeitenwende zurück. Vermutlich unter den Kaisern Claudius und Nero im 1. nachchristlichen Jahrhundert tauchten römische Legionäre zum ersten Mal im Gebiet der Stadt Wien auf, im 4. Jahrhundert wurde die Siedlung sogar für wenige Jahre Hauptstadt der römischen Provinz Pannonia I, bevor sie in den Strudel des niedergehenden Reiches gezogen wurde. In Spätantike und Frühmittelalter gab es wohl nur noch eine Restsiedlung in der Nähe des Donaukanals, bevor die Stadt im Hochmittelalter wieder auflebte.

Flächengrabung im 3. Bezirk von Wien, bei der römische Siedlungsstrukturen bereits wenige Zentimeter unter dem modernen Straßenniveau lagen.

Flächengrabung im 3. Bezirk von Wien, bei der römische Siedlungsstrukturen bereits wenige Zentimeter unter dem modernen Straßenniveau lagen.

Bild: Stadtarchäologie Wien
3D-Modell mit den im Bohrkernarchiv der Stadt Wien archivierten Tiefen der menschengemachten Bodenschichten.

3D-Modell mit den im Bohrkernarchiv der Stadt Wien archivierten Tiefen der menschengemachten Bodenschichten.

Bild: Universität Wien/Kira Lappé
Ausschnitt aus einem Bohrkern, der bei Vorarbeiten zur Verlängerung der U-Bahnlinie 2 gezogen wurde. Die menschlich beeinflußten Schichten reichen bis in 4,1 Meter Tiefe.

Ausschnitt aus einem Bohrkern, der bei Vorarbeiten zur Verlängerung der U-Bahnlinie 2 gezogen wurde. Die menschlich beeinflußten Schichten reichen bis in 4,1 Meter Tiefe.

Bild: Baugrundkataster der Stadt Wien-Brückenbau und Grundbau
Ausschnitt aus einem Bohrkern, der bei Vorarbeiten zur Verlängerung der U-Bahnlinie 2 gezogen wurde. Die menschlich beeinflußten Schichten reichen bis in 4,1 Meter Tiefe.

Ausschnitt aus einem Bohrkern, der bei Vorarbeiten zur Verlängerung der U-Bahnlinie 2 gezogen wurde. Die menschlich beeinflußten Schichten reichen bis in 4,1 Meter Tiefe.

Bild: Baugrundkataster der Stadt Wien-Brückenbau und Grundbau
Grabungsprofil in der Steinergasse 17 in Wien.

Grabungsprofil in der Steinergasse 17 in Wien.

Bild: Stadtarchäologie Wien
Bohrkern von Vorarbeiten für den U-Bahnbau der Linie 5 in Wien.

Bohrkern von Vorarbeiten für den U-Bahnbau der Linie 5 in Wien.

Bild: Baugrundkataster der Stadt Wien-Brückenbau und Grundbau
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Flächengrabung im 3. Bezirk von Wien, bei der römische Siedlungsstrukturen bereits wenige Zentimeter unter dem modernen Straßenniveau lagen.

Bild: Stadtarchäologie Wien

3D-Modell mit den im Bohrkernarchiv der Stadt Wien archivierten Tiefen der menschengemachten Bodenschichten.

Bild: Universität Wien/Kira Lappé

Ausschnitt aus einem Bohrkern, der bei Vorarbeiten zur Verlängerung der U-Bahnlinie 2 gezogen wurde. Die menschlich beeinflußten Schichten reichen bis in 4,1 Meter Tiefe.

Bild: Baugrundkataster der Stadt Wien-Brückenbau und Grundbau

Ausschnitt aus einem Bohrkern, der bei Vorarbeiten zur Verlängerung der U-Bahnlinie 2 gezogen wurde. Die menschlich beeinflußten Schichten reichen bis in 4,1 Meter Tiefe.

Bild: Baugrundkataster der Stadt Wien-Brückenbau und Grundbau

Grabungsprofil in der Steinergasse 17 in Wien.

Bild: Stadtarchäologie Wien

Bohrkern von Vorarbeiten für den U-Bahnbau der Linie 5 in Wien.

Bild: Baugrundkataster der Stadt Wien-Brückenbau und Grundbau

Die 2000 Jahre Stadtgeschichte haben deutliche Spuren im Untergrund hinterlassen. "Im Ersten Bezirk reichen die vom Menschen produzierten Schichten acht bis neun Meter tief", berichtete die Archäologin Kira Lappé von der Universität Wien auf der EGU-Tagung in Wien. Lappé stellte dort das Projekt "The Anthropocene Surge" des Departements für Geodynamik und Sedimentologie vor, in dem sie gerade promoviert. Das Projekt will den vom Menschen beeinflussten Untergrund unter Österreichs Hauptstadt bis zu seinen untersten und ältesten Schichten in einem digitalen Modell dokumentieren. Allerdings sind diese ältesten Schichten weit vom sogenannten Anthropozän entfernt. Geowissenschaftler untersuchen seit 2009, ob der Einfluss des Menschen auf die Erde mittlerweile so stark geworden ist, dass er ein eigenes Zeitalter verdient, und wann der Startpunkt dieser neuen Periode ist.

Projekt sucht nach Beginn des Anthropozäns im Wiener Untergrund

Noch ist nicht offiziell entschieden, ob die Erdgeschichte eine neue stratigraphische Periode erhält, doch Projektleiter Michael Wagreich, Professor für Sedimentologie an der Universität Wien, ist sich ziemlich sicher. "Die Datenlage zeigt mittlerweile recht klar, dass die Ausrufung eines neuen Zeitalters gerechtfertigt wäre, wobei die 1950er-Jahre als möglicher Beginn eines solchen diskutiert werden", sagte er in einer Pressemeldung der Universität. Das müsste sich dann auch im Wiener Untergrund ablesen lassen.

Die Chancen stehen gut, dass die Wissenschaftler des Anthropozän-Projektes solche Spuren entdecken können, schließlich verfügt die Gemeindeverwaltung Wien über ein ausgedehntes Bohrkernarchiv, das bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts zurückreicht. Auf sie stützt sich Kira Lappé vor allem. "Eine der Hauptkomponenten für mein 3D-Modell sind die Bohrkerne, von denen in Wien fast 63.000 vorhanden sind." Zumindest mehr oder weniger detaillierte Beschreibungen sind von ihnen im Baugrundkataster der Stadt Wien archiviert, von manchen Bohrungen gibt es darüber hinaus auch noch die tatsächlichen Kerne.

Hauptmaterial ist Ziegel

Ins Jahr 1844 datiert der älteste Bohrkern zurück. "Er liegt außerhalb des ersten Bezirks, in der Nähe des Museumsquartiers", so Lappé. Die Beschreibungen halten mehr oder weniger ausführlich fest, welche Materialien erbohrt wurden. "Der am häufigsten genannte Bestandteil ist Ziegel", berichtet Lappé. Schon die Römer benutzten ihn für ihr befestigtes Legionslager, und so hielten es auch alle Generationen, die nach ihnen kamen. Ihre Informationen will die Archäologin dann auch mit der ersten geologischen Karte des Wiener Untergrunds vergleichen, die der Geologe Eduard Suess 1862 publizierte. In ihr verzeichnete Suess menschengemachte Ablagerungen wie etwa die damals noch existierenden Basteien und Festungsmauern der Stadt.

Ein Material konnte Suess nicht dokumentieren, weil es erst im 20. Jahrhundert seinen Siegeszug antrat: Beton. Beton ist nach Ziegel das zweithäufigste Material in den jüngeren Bohrkernen, die das Gros des Wiener Bohrkernarchivs darstellen. So sind die dicksten menschgemachten Ablagerungen im Wiener Stadtgebiet gerade erst 60 Jahre alt: Rund 42 Meter mächtige Schichten wurde im östlichen 22. Wiener Bezirk erbohrt. "Das ist eine Deponie, die erst in den 1960er Jahren überhaupt gegründet wurde", erklärt Kira Lappé. Auf dem Gelände am Rautenweg wurden und werden Verbrennungsrückstände der Müllverbrennungsanlage abgelagert.

Archäologische Grabungen werden auch integriert

Wenn das digitale Untergrundmodell erstellt ist, sollen auch die Informationen der rund 1200 archäologischen Grabungen integriert werden, die im Wiener Stadtgebiet durchgeführt worden sind. "Mit ihnen kann man dann wirklich die Zeitphasen unterscheiden", erläutert Kira Lappé, "und bestimmen, wie weit der Mensch im Mittelalter oder in der Römerzeit eingegriffen hat." Und aller Voraussicht nach werden die Wiener Geowissenschaftler und Archäologen dann irgendwann einmal auch auf den Anbruch des Anthropozäns stoßen, gleichgültig ob er durch die radioaktive Spur der oberirdischen Atombombenversuche oder durch umfassenden Gebrauch von Plastik oder durch ein anderes Kriterium definiert wird.